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Über Freiheit

Das Wort «Freiheit» ist nebst dem Wort «Liebe» das vielleicht am meisten abgenutzte und missbrauchte. Was wurde nicht alles im Namen von Freiheit getan, wieviele Leiden, Kriege und andere Verbrechen gerechtfertigt. Wer immer das Wort Freiheit im Mund führt, wähnt sich im Recht. Er denkt an seine Freiheit, die sich gegen eine andere Freiheit richtet, was immer er im Übrigen unter Freiheit versteht. Daher das schale Gefühl, wenn jemand unter dem Banner von Freiheit marschiert. Freiheit kann niemals eine Sache des Rechthabens sein, der rechten Denkart, der rechten politischen Gesinnung, des rechten Glaubens. Freiheit ist kein Diskursmotiv, sondern eine Chiffre, die über der Dialektik, in die sie gerne hineingezogen wird, steht. Erst in der Aufhebung der Freiheit wird ihr Wert eingelöst.

Was ist damit gemeint? Freiheit ist nicht das Gegenstück zur Notwendigkeit, sondern ein Begriff, der die Transzendenz zur Voraussetzung hat. Ohne Transzendenz gibt es keine Freiheit. Diese Transzendenz nun setzt die Freiheit in einen neuen Kontext. Es geht jetzt nicht mehr um meine Freiheit, die ich gegen die Freiheit der anderen zu verteidigen habe, sondern ich kämpfe um meine Freiheit als um mich selbst. Diese Freiheit ist der Liebe verwandt. Nur wenn ich liebe, werde ich frei sein. So verstanden ist Freiheit eine Form der Liebe oder es ist keine Freiheit.
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Über den Garten Eden

Der Garten Eden ist ein Ort, nach dem die Menschen suchen, seit er in ihrer Vorstellungswelt existiert. Es ist der Ort, von dem sie hoffen, dass es ihn trotz allem irgendwo gibt, vielleicht weil er in der allgemeinen Weltverwirrung einfach vergessen wurde wie jene wunderbaren Schlösser in den Märchen und Sagen, wo das Wasser des Lebens oder der Gral zu finden sind. Wir misstrauen allen Berichten von diesem Ort, sie wirken unglaubwürdig. Und doch muss es ihn geben, denn jedes Mal, wenn das Leben sich von seiner harten und ungerechten Seite zeigt, beginnen wir aufs Neue von ihm zu träumen.

Adam und Eva besassen das seltene Privileg, den Garten bewohnen zu dürfen. Ich stelle mir vor, dass zu jener Zeit alle Dinge im Lot waren, so wie es die Alten Meister auf ihren Gemälden darstellten. Auch der mit dem dunklen Teil der menschlichen Seele wohlvertraute Hieronymus Bosch malte das Paradies als Land des ewigen Frühlings und Friedens. Hier weidet das Wild neben dem Löwen, schläft der Wolf friedlich neben dem Lamm. Und über allem wacht der allmächtige Gott mit Bart. Im übrigen findet sich etwas vom Glück des Gartens auch in den Darstellungen vom Heiligen Hieronymus, der in seinem Gehäuse sitzt und schreibt, während ihm zu Füssen der Löwe schlummert. Durch das Fenster fällt göttliches Licht und erhellt die Kammer.

Wäre es immer so geblieben und nie anders geworden. Doch es wurde anders. Die Schlange trat auf den Plan, das Tier, das listiger war als alle anderen, wie es in der Genesis heisst, das Tier der Erde, das Gott verfluchte, das Tier des Nichtseins. Es versprach Adam und Eva das Wissen darüber, was Gut und Böse ist, und die beiden assen vom verbotenen Baum. Es ist viel über die Bedeutung der Schlange gerätselt worden. Sie verkörpere das Bewusstsein vom Tode, lautet eine gängige Hypothese, während der Garten ein Sinnbild für den Menschen in einem unbewussten kindlichen Stadium darstelle. Auch die Frage, wie die Schlange überhaupt in den Garten kam, beschäftigt die Gemüter bis heute. Die Gnostiker glauben, dass Gott sie schickte. Damit wäre das Böse ein Teil von ihm.

Weniger nachgedacht hat man darüber, dass Adam und Eva bereits Bewusstsein besassen, als sie im Garten Gottes lebten. Immerhin gaben sie den Tieren Namen. Es ist wahr, das können auch Kinder. Adam und Eva, heisst es, schämten sich auch nicht voreinander, genau wie kleine Kinder. Die Schlange spricht mit Eva auch über den Tod, als sie Zweifel anmeldet, ob es richtig sei, vom Baum zu essen: «Mitnichten werden ihr sterben.» Wie steht es also mit dem Bewusstsein vom Tod? Wann wird der Mensch sich wirklich bewusst, dass er sterben muss? Mit sieben Jahren? Mit zwölf? Oder erst später mit zwanzig Jahren? Mit dreissig gar? Oder noch später? Was heisst das überhaupt, dass wir davon ein Bewusstsein haben? Verändert sich das Bewusstsein denn nicht im Lauf der Zeit, so dass wir das Gefühl haben, mit zwanzig ein anderer gewesen zu sein als wir es heute mit vielleicht vierzig sind? Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Und können Kinder wirklich sprechen wie Adam, der, als Gott ihm Eva zur Seite stellte, sagte: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“? Der Kommentar des Autors der Genesis dazu lautet: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.“ Wird hier wirklich noch von Kindern gesprochen?

Wenn die Genesis von bewussten Erwachsenen erzählt, dann verändert sich die Bedeutung des Dramas im Garten, dann besteht der Kern des Geschehens nicht so sehr darin, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen, sondern dass sie das Gebot Gottes missachten. Erst durch die Freiheit, die sich Adam und Eva nehmen und durch welche sie sich von Gott lossagen, werden der Tod und das Bewusstsein davon, was Gut und Böse ist, ihnen zum Problem. In der Einheit des Gartens unter der Obhut Gottes waren Adam und Eva geborgen und bildeten eine Einheit. Sie lebten in einem Zustand, wo Vergänglichkeit und Tod kein Problem bildeten. Erst als sie sich vom Gebot Gottes lossagen und von der verbotenen Frucht essen, zerstören sie die Grundlage dieser Einheit. Die Folge: Gott vertreibt sie aus dem Paradies und setzt die Engel vor den Eingang, damit die Vertriebenen nicht auch noch vom Baum des Lebens essen – fehlte nur noch, dass sie ewig leben.

Die Schlange also verführt das Urpaar zu einer Freiheit jenseit von Gott und diese Freiheit, so die Genesis, führt dazu, dass das Leben sich in Mühsal verwandelt. Ein notwendiges Geschehen. Die Schlange des Nichts – lies: das Bewusstsein vom Nichts – ist das Problem, an dem Adam und Eva zu leiden beginnen. Warum? Weil sie das Gebot Gottes missachten. Im Augenblick, wo sie daran denken, das Gebot zu übertreten, tritt die Schlange auf den Plan. Sie ist die Gestalt des Gedankens, die Möglichkeit zur Freiheit. Als sie sich entschliessen, der Schlange zu folgen, vom Baum zu essen, werden sie selbst (und damit alle ihre Nachkommen) einander feind. Die Angst hat sich im Leben des ersten Paars eingerichtet. Sie hat ihnen die Freiheit, die sie im Garten besassen, genommen. Soweit die Genesis.

Jeder von trägt die Gestalten der Ureltern in sich, ihre Geschichte wirkt bis in die Gegenwart fort. Ihr Problem ist auch unseres, selbst wenn wir davon nichts ahnen. Der Mythos von Adam und Eva ist die Folie, dem jedes Leben folgen muss. Er ist eine Bedinung menschlichen Existierens, ein Urstoff, der sich in jedem Leben fortsetzt. Die Universalität des Mythos ist vielleicht die Ursache für seine Unsichtbarkeit im konkreten Leben. Wäre da nicht unsere Sehnsucht, wir hätten den Garten längst vergessen. Aber wir haben ihn nicht vergessen.

In der Literatur gibt es Versuche, den Garten nachzubilden. In seinem Roman «Der Nachsommer» gelang Adalbert Stifter (1805-1868) diese Rekonstruktion in einer glaubwürdigen Art. Der Roman hat seine Zeit überdauert. Der unspektakuläre Stoff scheint durch die einfache und ungekünstelte Sprache gestaltet zu sein. Äusserlich gesehen geschieht in dem Roman recht wenig. Ein junger Mann lernt auf einer Reise, die er zum Zweck erdwissenschaftlicher Forschungen in den Alpen unternimmt, den Besitzer eines Landgutes kennen. Er befreundet sich mit dem Mann, man führt Gespräche über die Kunst und den Landbau. Rund um das Haupthaus des Anwesens gedeihen Rosen, weshalb es das «Rosenhaus» genannt wird. Im folgenden Jahr kehrt der junge Mann auf Einladung des Gutsherrn ins Rosenhaus zurück und alles ist wie im vorigen Jahr. Während eines weiteren Aufenthalts lernt er die Tochter einer Freundin des Gutsherrn kennen, die am Ende seine Frau werden wird. Lange Exkurse über das Wesen der Kunst, seitenlange Beschreibungen von Interieurs und viele zum Teil grandiose Landschaftsbeschreibungen sind in die Handlung eingewoben. Was den Roman ausserordentlich macht, ist aber nicht die Schilderung der Details, sondern die Art, wie die Figuren miteinander umgehen. Es herrscht eine für unsere Begriffe ans Absurde grenzende Höflichkeit und Harmonie. Nie fällt ein lautes Wort, nie kommt es zur geringsten Unstimmigkeit, immer ist der junge Mann mit sich und den anderen im Reinen. Auch im Rosenhaus ist immer alles in der besten Ordnung, der Gutsherr behandelt seinen stets gut und gerecht, so dass zur Unzufriedenheit nicht der geringste Anlass besteht. Was beim Lesen zu Beginn befremden mag, wird mit der Zeit ganz unentbehrlich, ja natürlich. Wir können uns mit der Zeit nichts mehr anderes vorstellen als was uns Stifter beschreibt und das macht den Roman zu etwas Einzigartigem im grossen Garten der abendländischen Literatur. Stifter unterrichtet seine Leser ausserdem zu keinem Zeitpunkt über das Innenleben der Figuren, selbst die Liebe, die der junge Mann zu Natalie fasst, bleibt solange unausgesprochen, bis die jungen Leute sie einander offenbaren. In der Art, wie Stifter den Stoff gestaltet, liegt denn auch der Zündstoff des Romans: er ist das in der Literatur seltene Wagnis eingegangen, das Negative ganz beseite zu lassen. Nur einmal, als der Gutsherr in einem Rückblick über eine frühe Liebe berichtet, die unglücklich endete, erfahren wir von den existenziellen Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt.

Der «Nachsommer» gibt ein Bild davon, wie das Zusammenleben unter Menschen auch noch sein könnte. Man muss dem Autor glauben, sonst kann man das Buch nicht lesen, denn „vernünftig“ an dem Roman ist nichts. Nirgends leben Menschen in einer solchen Harmonie. Gerade darum ist das Buch eine moderne Utopie, deren Kern allein in uns selbst liegt.

Stifters Roman steht im schroffen Gegensatz zu den politischen Utopien, die mit Heilsphantasien für ganze Gesellschaften operieren. Seine Utopie ist eine, die im intimen Bezirk des ganz persönlichen Lebens gelebt wird. Die Veränderungen werden den Figuren nicht von aussen durch irgendwelche politische Ideologien aufgezwungen, die von den Menschen und ihren Nöten nichts wissen, sondern ergeben sich aus den Lebensumständen und der Lebenserfahrung wie von selbst.

Durch die symbolische Lesart wird der Garten Eden zu einem Ort in uns selbst. Dann geht es nicht mehr an, den Garten als blosses Bild für die glücklichen Stunden der Kindheit zu sehen. Der Garten wird dann vielmehr zu einem Orientierungspunkt für die eigene Existenz. Wir sind die Vertriebenen. Diese Einsicht ist ein Anfang, der erste Schritt zurück aus dem Exil. Was wirklich gewesen ist, kann es wieder werden. Diese Hoffnung besteht, auch das erzählt uns der Garten, den wir nicht vergessen können. Sein Bild ist unvergänglich, es steht nicht gegen die Zeit, sondern tiefer in ihr. Adam und Eva im Garten bilden die Urfigur anderen Lebens.
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Über Paare

Der Anblick des Paars ist ein doppelter: Ich sehe die Frau im Mann und den Mann in der Frau. So sehe ich ungleich mehr, wenn ich ein Paar sehe, als wenn ich eine Frau oder einen Mann allein sehe. Mit wem jemand sich bindet, weist auf ihn selbst zurück und erhöht seine Sichtbarkeit. Nochmals verändert sich das Bild des Paars, wenn Kinder dazukommen oder die Verwandtschaft. Was immer wir aber sehen, es lässt sich nicht benennen.

Bei alten Paaren wird der Anblick zwingender: was sie gewesen sind, lässt sich nicht mehr verheimlichen. Die Zeit für Entwicklungen ist vorüber. Daher wirken Heiterkeit und Zufriedenheit, aber auch Trostlosigkeit und Unzufriedenheit bei alten Paaren stärker auf uns als bei jüngeren. Bei diesen scheinen Veränderungen noch möglich.

Es gibt Paare, die gleichen sich wie Bruder und Schwester, manche von ihnen haben auch eine ähnliche Art sich auszudrücken und zu bewegen. Solche Paare sieht man oft zusammen und sie fallen sogleich auf. Eine Zeitlang begegnete ich einem solchen Bruder-Schwester-Paar regelmässig in Zürich und immer war mir, als beständen sie aus einem Körper.

Eine starke erotische Anziehung zwischen einem Mann und einer Frau ist auch für Dritte körperlich spürbar. Selbst wenn keine Berührung stattfindet, werden wir auf das Paar durch die unterirdischen erotischen Signale aufmerksam. Ich erinnere mich an ein Paar im Tram, bei dem ich das Gefühl der Anziehung sehr stark empfand, ohne dass die beiden sich auffällig verhielten. Ich sass hinter ihnen und glaubte bloss zu sehen, wie sie strahlten. Plötzlich aber beugte die Frau sich zum Mann und begann ihn leidenschaftlich zu küssen.

Wie stark die Anziehung eines Paars nach aussen wirkt, verdeutlicht sich auch daran, dass wir Paare, die ihre Liebe vor der Aussenwelt verheimlichen, manchmal trotzdem als Paar wahrnehmen. Die Aura der Verliebtheit wirkt stärker als die Verstellung. Selbstverständlich wirken auch die eigenen Gedanken in diese Richtung, weswegen wir gut daran tun, uns nicht zu sehr mit jemandem zu beschäftigen, wenn wir vermeiden wollen, dass Aussenstehende es bemerken.

Eigentlich ziehen nur wenige Paare unsere Aufmerksamkeit an. Ich erinnere mich an ein Paar, wo der Mann bedeutend jünger als die Frau war. Die beiden begegneten mir mehrmals in einer bestimmten Tramlinie. Als ich sie zum ersten Mal sah, glaubte ich für einen Moment, dass es sich um Mutter und Sohn handelte, doch die Art, wie sie miteinander sprachen, die Art auch, wie die Frau den Mann anblickte, belehrte mich eines Besseren. Später freute ich mich jedesmal, wenn ich die beiden sah. Es ging etwas beinahe Abenteuerliches von ihnen aus, denn sie waren mit ihrer Liebe ein Wagnis eingegangen, sie widerstanden in einem gewissen Sinn dem Gesetz der Zeit. Der umgekehrte Fall, der uns – naturgemäss – viel häufiger begegnet, ist nicht halb so interessant. Dies liegt daran, dass das Paar sich dann nicht im Widerspruch zur möglichen Elternschaft befindet, während, ist die Frau bedeutend älter, die Frage nach Kindern sich oft gar nicht erst stellt. So gesehen ist die gesellschaftlich höhere Akzeptanz von Paaren, bei denen der Mann älter ist als die Frau, durchaus begreiflich.

Die Sprache des Paars bildet einen eigenen Raum. Hier gibt es viele Variationen und doch wiederholen sich die Variationen auch. Es heisst, dass Paare, die sich sprachlich gut verständigen können, länger zusammen bleiben als andere. Das hat etwas Wahres, aber auch Paare, die nicht viel miteinander sprechen, bleiben manchmal ein Leben lang zusammen. Die Sprache bleibt ein geistiger Überbau und der Zwang zur Aussprache schadet manchmal mehr als das Schweigen. Die Wurzeln einer Paarbeziehung reichen tiefer die Sprache, die sie im besten Fall sichtbar machen kann, berühren die vegetative Zone, wobei die beiden Bereiche sich nicht trennen lassen. Es gibt keinen Geist ohne Erde und umgekehrt.

Das auf die Familie ausgerichtete Paar folgt den Bestimmungen der Natur. Kinder sind für das Paar eine Form der vorgebenen Transzendenz.

Die Paarfigur ist ein äusserst variables Phänomen, das sich doch immer wieder gleicht. Die Grundgeschichte des Paars verändert sich nicht, davon zeugt die Literatur der letzten zweitausend Jahre. Paargeschichten wiederholen sich durch die Zeiten. Wir lieben heute nicht anders als es Walther von der Vogelweide beschrieb: «Du bist mîn, ich bin dîn…» Und doch wird das Paar im Lauf der Zeit ein anderes. Wir selbst verändern unser Bewusstsein vom Paar, damit verändert sich auch das Paar. Es wächst oder mindert sich mit jenem.

Das Paar hat mythische Kraft. Wir finden sie beim Urpaar im Garten Gottes ebenso wie bei Shakespeares Romeo und Julia. Auch das Ganovenpärchen Bonnie und Clyde strahlt diese Kraft aus. Die Mythos vom Paar fesselt unsere Phantasie, weil sie uns auf jenen Teil der Liebe verweist, die scheinbar über den Gesetzen der Welt steht. Im Bewusstsein dieser Kraft wird auch Ingeborg Bachmann ihren existenziellen Ruf „Undine geht“ geschrieben haben, jene moderne Mythe von der Sehnsucht nach Ewigkeit in der Liebe. Nach der Lektüre glauben wir zu wissen, dass die Liebe des Paars im Kern etwas Unzerstörbares hat, das selbst den Tod überdauert.
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Über Träume

In der Traumwelt herrschen andere Gesetze als am Tag. Es gibt keinen geregelten Zeitablauf so wie wir ihn aus dem Wachzustand kennen, auch das Gesetz der Kausalität scheint ausser Kraft gesetzt zu sein. Wir befinden uns plötzlich an einem anderen Ort und auch sonst geschehen Dinge, die in der physischen Welt nicht möglich sind. Wir können auf einmal fliegen oder der Teufel bedroht uns oder jemand altert sehr schnell vor unseren Augen. Aus einem Baum fällt grüner Regen.

Früher schrieb ich im Traum manchmal sehr schwierige Dinge auf, die ich selbst nicht verstand. Zu gern hätte ich mich nach dem Erwachen daran erinnert, aber es gelang mir so gut wie nie. Ich wunderte mich, wie das möglich war, manchmal erinnerte ich mich an den Schriftzug, der nicht mein eigener war.

Die Figuren im Traum sind «durchsichtig». Es kann sein, dass wir zugleich in einer Figur und ausserhalb von ihr sind. Die individuellen Grenzen scheinen durchlässig. Manchmal wissen wir im Traum, was jemand denkt. Menschen, die wir gut kennen, erscheinen in unseren Träumen in anderer Gestalt und doch wissen wir sofort, wer sie sind. Wir halten uns an Orten mit ihnen auf, die wir nicht kennen, oder sie tun Dinge, die uns überraschen und die wir nicht verstehen. Sie zeigen sich von einer Seite, die wir noch nie an ihnen wahrgenommen haben. So wurde mir im Traum einmal die Traurigkeit einer Bekannten gezeigt, die ich eigentlich für einen fröhlichen Menschen hielt. Auch Fremde erscheinen in unseren Träumen, manchmal haben sie einen bedrohlichen Aspekt. Mir träumte eine Zeitlang von bedrohlich wirkenden Chinesen.

Von manchen Menschen träumen wir oft, vielleicht fast jede Nacht, andere, die uns vielleicht sehr nahe stehen, erscheinen nur selten in unseren Träumen. Manchmal erscheinen uns Menschen aus der Vergangenheit, an die wir lange nicht gedacht haben. Auch von Menschen, deren Bild wir nur aus dem Fernsehen kennen, träumen wir. Sie verkörpern vielleicht einen Aspekt unserer eigenen Öffentlichseins.

Mir träumte eine Zeitlang oft von Wölfen. Die Tiere waren eingesperrt, aber trotzdem sehr bedrohlich. Auch Schlangen, Vögel, Fische, Löwen, Bären, Hunde, aber auch Spinnen, Fliegen und Würmer sind mir schon im Traum erschienen. Ebenso wie die Tiere sind die Pflanzen in unseren Träumen präsent. Dabei ist nicht nur das Erscheinen der Tiere und Pflanzen wesentlich, sondern die Umstände ihres Erscheinens. Auch der unbelebte Kosmos erscheint zuzeiten in einem Traum, so das Meer, ein Stern, die Berge.

Bedeutsame Träume sind nicht häufig, aber wir erinnern uns lange an sie. Vor bald fünfzehn Jahren träumte mir einmal, ich stehle einem Mann blaue Diamanten aus der Tasche. Ich habe den Traum, der mich unangenehm berührte, nicht vergessen. Er zeigte wohl einen Aspekt aus meinem damaligen Leben und mahnt mich bis heute noch.

Auch Eros ist in unseren Träumen präsent. Dabei scheint es eher um die Sehnsucht als um die Erfüllung zu gehen. Oft bleibt es bei Annäherungen. Wir folgen einer fremden Frau in ein Zimmer, doch kommt es zu unserer Enttäuschung nicht zum Akt. Nicht selten werden wir während des erotischen Tuns von jemandem gestört. Wie Eros sich im Traum manifestiert, kann ein Hinweis darauf sein, wie es um unsere Lebenskraft bestellt ist.

Es kommt vor, dass der Wunsch der Vater des Traums ist. Dass es sich dabei immer um Wünsche sexueller Art handelt, wie Freud meinte, ist eine längst überholte Ansicht. Von Menschen, die jemanden verloren haben, der ihnen nahe stand, ist bekannt, dass sie träumen, die Person sei wieder lebendig. Offenbar wünscht der Träumende sich die Person zurück. Der Traum ist aber auch insofern wahr, als die Toten in uns lebendig bleiben.

Im Traum gibt es keinen Schatten, die Dinge haben ihr Licht wie aus sich selbst. An Farben im Traum erinnere ich mich selten. Mir träumte schon von Blut, das aber nicht jenes Rot aufwies, das es in Wirklichkeit hat; es war eher schwärzlich, ohne eigentliche Farbe.

Wird im Traum gesprochen, gibt es keinen Raumklang; denn der Raum existiert im Traum nicht so wie er uns am Tag erscheint. Was gesprochen wird, hört sich somit raumlos an, als würde die Sprache sich im Innern des Sprechenden ereignen. Auch daher kommt es, dass wir wissen, was jemand im Traum denkt.

Gegenstände erscheinen im Traum manchmal fragmenthaft, manche verlieren ihre Konturen, werden unscharf. Oder sie formen sich vor unseren Augen, verwandeln sich. Es gibt abstrakte Träume, deren Bilder uns erscheinen wie jenseits der Anschauung. So träumte mir einmal von grünen schwebenden Kugeln und ich wusste sofort, der Traum handelt vom Sehen und vom Opfer. Eine Begründung für dieses Wissen habe ich bis heute nicht.

Die Deutung von Träumen ist ein weites Feld. Viele haben sich darin versucht, mit unterschiedlichem Erfolg. Wir finden Traumdeutungen bereits in antiken Texten, auch in der Bibel. Berühmt sind Josephs Deutungen der Träume des Pharaos im Alten Testament. Wer Träume deuten konnte, stand in hohem Ansehen, wurde aber auch gefürchtet. Man glaubte, der Traumdeuter habe Zugang zu anderen Welten. Meiner Ansicht nach ist der Träumer selbst der begabteste Deuter seiner Träume. Seine Intuition, wenn er auf sie vertraut, wird ihm schon das Richtige über seine Träume sagen. Dazu muss er auch unangenehme Wahrheiten akzeptieren können. Es ist nicht nötig, einen Traum um jeden Preis verstehen zu wollen. Ich habe viele Träume nicht zu deuten versucht und bin trotzdem überzeugt davon, dass sie ihre Wirkung getan haben. Wenn wir einen unverständlichen Traum verstehen möchten, kann es von Nutzen sein uns zu fragen, was sich in unserem Leben ändern sollte. Manchmal erweist sich aber selbst dies als unmöglich.

Traumtheorien können zum Verständnis von Träumen hilfreich sein, bleiben aber Theorie. Die Traumbilder sind lebendig und haben ihre eigene unmittelbare Sprache, jenseits der Theorie. Wer sich den Traumbildern anvertraut, kann gut auf die Theorie verzichten. Das was wir träumen liegt – wie übrigens alles, was wir sehen – ein Stück weit jenseits der Erkenntnis.

Man sollte einen Traum nicht vorschnell in die Wirklichkeit übersetzen. Wenn wir im Traum krank sind, kann das auch ein Hinweis darauf sein, dass unser Leben sich im Ungleichgewicht befindet. Es kann aber auch auf ein reales Leiden hinweisen, denn wie es scheint, kann sich der Körper direkt dem Traum mitteilen. Ein Traum kann aber auch einen Ausweg aus einer realen Krankheit anzeigen, dem wir dann vielleicht intuitiv folgen und erst wirklich verstehen, wenn wir die Krankheit überwunden haben. Ein relativ häufiges Traummotiv ist die eigene Beerdigung oder der eigenen Tod. Ingmar Bergman hat das Motiv in seinem Film «Wilde Erdbeeren» aus dem Jahr 1957 ganz richtig als Initialtraum verwendet, der die Verwandlung eines eigensinnigen gefühlskalten Mannes in einen Menschen mit humanen Zügen einleitet. Der Prozess, der in Bergmans Film wenige Tage dauert, dauert im Leben oft Jahre.

Träume sind unsere Helfer. Sie zeigen uns etwas über unsere Wirklichkeit und die Art, wie wir ihr begegnen oder begegnen könnten. Nicht immer sind Träume nur auf uns selbst bezogen, aber immer steht die Person, von der wir träumen, in einer Beziehung zu uns. Diese Beziehung kann durchaus fiktiver Natur sein.

Dass Träume die Zukunft voraussagen, ist ein alter Glaube. Der Träumende sieht etwas, was sich später ereignet. Die Frau von Cäsar soll die Ermordung ihres Gemahls in der Nacht zuvor geträumt haben. Cäsar hörte nicht auf sie. Die Erzählung gehört vielleicht ins Reich der Legenden, die sich stets um grosse Namen ranken, ist aber ihrem Sinn nach wahr. Die existentielle Konstellation ist sozusagen der Untergrund, worauf der Traum gedeiht. Mir träumte manchmal von Briefen, die mich am nächsten Morgen wirklich erreichten. Eine Bekannte von mir träumte als junge Frau ihr späteres Leben in den verschiedenen Etappen voraus; sogar einzelne Personen und Orte erschienen ihr in jenem Traum. Sie verstand den Traum, der sie sehr beeindruckte, natürlich erst viele Jahre später. Im Traum sah sie weiter als ihr damals bewusstes Ich.

Unerinnerte Träume hinterlassen eine unruhige Leere. Sie gleichen Fischen, die wir am Haken hatten, die uns aber wieder entschlüpft sind. Manche dieser Träume lassen uns längere Zeit nicht in Ruhe. Es gelingt uns nur selten, uns doch noch an sie zu erinnern, denn die Erinnerung ist bekanntlich keine Sache des Willens. So ist es auch nicht verwunderlich, dass uns bei der Erinnerung an einen Traum manchmal der Zufall behilflich ist. Wir haben den Traum am Morgen vergessen, aber während wir zur Arbeit fahren, sehen wir in der Zeitung die Fotografie eines Fisches und erinnern uns sofort daran, dass wir letzte Nacht von einem Fisch geträumt haben. Mir ist es auch schon passiert, dass mich das Aussehen einer fremden Person im Tram an einen Traum erinnerte, den ich vergessen hatte. Unsere Antennen scheinen dann untergründig noch auf das Auffinden des vergessenen Traums ausgerichtet gewesen zu sein.
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