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Das Kopftuch der Frau Calmy-Rey

«Wenn in Rome do as the Romans do.» Frau Calmy-Rey scheint sich diesen Satz zu Herzen genommen zu haben, als sie nach Teheran zur Unterzeichnung eines Gasvertrags reiste. Im Beisein des iranischen Präsidenten trug sie ein schönes weisses fast durchsichtiges Kopftuch, das an einen Schleier erinnerte und das ihr hin und wieder vom Kopf rutschte. Sie hat sich bei ihrem Auftritt bestimmt nichts Schlimmes gedacht. Wer aber die Bilder der lachenden mit Kopftuch versehenen Bundesrätin am Fernsehen gesehen hat, konnte sich eines schalen Nachgeschmacks nicht erwehren. Was macht den Auftritt der Bundesrätin mit Kopftuch in Teheran so fadenscheinig (ähnlich fadenscheinig wie vor einiger Zeit der Auftritt Herrn Blochers in Ankara)? Es ist nicht der Umstand, dass ein Vertrag unterzeichnet wurde, über den sich zurecht streiten lässt und mit dessen Unterzeichnung sich die Schweizer Regierung ganz bewusst in die weltpolitischen Nesseln gesetzt hat. Das war eine wirtschaftspolitische Entscheidung der Schweizer Regierung. Mit den entsprechenden Reaktionen aus den USA und Israel musste gerechnet werden.
Fragwürdig ist aber vielmehr das Kopftuch, denn damit hat die Bundesrätin ein falsches Signal gesetzt. Das Kopftuch ist ja nicht irgendein unbedeutendes religiöses Attribut, sondern ein wichtiges Erkennungszeichen einer Religion. Im Iran tragen Frauen Kopftücher, müssen sie tragen, die Religion, die dort zugleich die Politik ist, bestimmt das so. Der Iran hat ein ganz anderes Verständnis von Religion und Politik als wir es in Europa kennen. Was in Europa Sache des Einzelnen ist, nämlich sein Glaube und dessen Ausübung, darüber befindet im Iran der Staat, dessen Lenker Geistliche sind. Der Staat bestimmt, was der rechte Glaube ist. Ein solches Staatsverständnis ist Europa seit langem fremd geworden. Wenn nun die Schweizer Bundesrätin bei einem Vertragsabschluss mit Kopftuch erscheint, kommt sie Erwartungen entgegen, die vielleicht nicht einmal vorhanden waren. Es wirkt, als verleugne sie das schweizerische (und damit europäische) Selbstverständnis von Staat und Religion.

Kommentare (2)  Permalink

Kommentare

epices6 @ 10.04.2008 02:29 CEST
Ich kam auf Ihren Blog via den Tagi Literaturblog, wo mir Ihre Antwort auf Frau Schweikerts Fragen sehr gefallen hat.

Jetzt aber zum Kopftuch Beitrag: Das Tragen eines Kopftuches im Iran (oder in Saudi Arabien) von Besucherinnen (Politikerinnen, Journalistinnen) ist nicht ein Verrat am westlichen Selbstverständnis, sondern ein Zeichen von Respekt, wenn auch für extremen religiösen und sozialen Konservativismus (im Iran ist diese Anforderung erst seit der islamischen “Revolution” Brauch).

Natürlich sind diese Auftritte von politischem Kalkül determiniert – beim weltweiten Gerangel um Öl und Gas will jede Nation die Nase vorne haben.
Die schrillen Inserate der ADL (Anti Defamation League), wie ich sie gestern in der New York Times gelesen habe (die Schweiz als Terrorsponsor) sind wirklich lächerlich, werden aber Erinnerungen an die Geheimkonten der 30er Jahre wecken –einer der “Nesselplätze”, den man möglichst meiden sollte.
auroraconsurgens @ 10.04.2008 18:57 CEST
Danke für Ihren Hinweis. Trotzdem, für mein Empfinden eine Respektbezeugung der fragwürdigen Art. Eine Begegnungskultur der "Entschleierung" wäre meiner Ansicht nach ehrlicher. Können Sie sich Frau Merkel mit Kopftuch vorstellen?

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