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by auroraconsurgens
@ 27.11.2007 23:49 CEST
In einem vierzeiligen Gedichtentwurf aus dem Jahr 1916 fasst R. M. Rilke die Unmöglichkeit zum Frieden auf dem europäischen Kontinent in ein rätselhaftes Bild, das mir lange nachging:
«Da wird der Hirsch zum Erdteil. Hebt und trägt
den Winterbaum, sein reines unbelaubtes
verzweigtes Spiel. Der Friede seines Hauptes
reicht nicht soweit, dass er in Blätter schlägt.»
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by auroraconsurgens
@ 19.11.2007 22:24 CEST
Die Sucht nach Aufmerksamkeit. Wozu das alles? Diskussionsrunden als Parteiengezänk. Endlosschlaufen der Sinnlosigkeit. Wir werden mit nährstoffarmer Nahrung gefüttert. Hungrig verlassen wir den Tisch.
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by auroraconsurgens
@ 19.11.2007 22:09 CEST
Das weisse Fell der Katze, die am Haus vorbeiging, schimmerte rötlich in der Morgensonne.
[ General ]
by auroraconsurgens
@ 19.11.2007 22:07 CEST
Die Augen jener Frau. Neulich, als sie mich ansahen, war ein lebendiges Strahlen in ihnen, dunkel. Sie erinnerten mich an Tieraugen.
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by auroraconsurgens
@ 19.11.2007 22:06 CEST
Das Land der Erinnerung ist ein erfundenes. Wir erinnern uns nie, wie es war. Wir können uns nicht erinnern. Es könnte aber so gewesen sein, wie wir uns erinnern. So gesehen erfinden wir die Erinnerung.
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by auroraconsurgens
@ 19.11.2007 22:03 CEST
Gute Witze sind bekanntlich so rar wie Menschen ohne Hintergedanken. Trotzdem sei hier einmal ein Witz erzählt, den mir eine polnische Bekannte erzählte. Es handelt sich um einen S c h w e i z e r w i t z, der in Polen kursieren soll: «Ein Amerikaner, ein Franzose und ein Schweizer unterhalten sich über die Frage, wie Kinder entstehen. Bei uns geschieht das im Reagenzglas, meint der Amerikaner. Bei uns, sagt der Franzose, geht das ganz natürlich. Mann und Frau lieben sich, dann gibt es ein Kind. Und wie ist das bei euch? fragen sie den Schweizer. Dieser antwortet: Bei uns ist das von Kanton zu Kanton verschieden.»
[ Über … ]
by auroraconsurgens
@ 13.11.2007 13:32 CEST
Der Garten Eden ist ein Ort, nach dem die Menschen suchen, seit er in ihrer Vorstellungswelt existiert. Es ist der Ort, von dem sie hoffen, dass es ihn trotz allem irgendwo gibt, vielleicht weil er in der allgemeinen Weltverwirrung einfach vergessen wurde wie jene wunderbaren Schlösser in den Märchen und Sagen, wo das Wasser des Lebens oder der Gral zu finden sind. Wir misstrauen allen Berichten von diesem Ort, sie wirken unglaubwürdig. Und doch muss es ihn geben, denn jedes Mal, wenn das Leben sich von seiner harten und ungerechten Seite zeigt, beginnen wir aufs Neue von ihm zu träumen.
Adam und Eva besassen das seltene Privileg, den Garten bewohnen zu dürfen. Ich stelle mir vor, dass zu jener Zeit alle Dinge im Lot waren, so wie es die Alten Meister auf ihren Gemälden darstellten. Auch der mit dem dunklen Teil der menschlichen Seele wohlvertraute Hieronymus Bosch malte das Paradies als Land des ewigen Frühlings und Friedens. Hier weidet das Wild neben dem Löwen, schläft der Wolf friedlich neben dem Lamm. Und über allem wacht der allmächtige Gott mit Bart. Im übrigen findet sich etwas vom Glück des Gartens auch in den Darstellungen vom Heiligen Hieronymus, der in seinem Gehäuse sitzt und schreibt, während ihm zu Füssen der Löwe schlummert. Durch das Fenster fällt göttliches Licht und erhellt die Kammer.
Wäre es immer so geblieben und nie anders geworden. Doch es wurde anders. Die Schlange trat auf den Plan, das Tier, das listiger war als alle anderen, wie es in der Genesis heisst, das Tier der Erde, das Gott verfluchte, das Tier des Nichtseins. Es versprach Adam und Eva das Wissen darüber, was Gut und Böse ist, und die beiden assen vom verbotenen Baum. Es ist viel über die Bedeutung der Schlange gerätselt worden. Sie verkörpere das Bewusstsein vom Tode, lautet eine gängige Hypothese, während der Garten ein Sinnbild für den Menschen in einem unbewussten kindlichen Stadium darstelle. Auch die Frage, wie die Schlange überhaupt in den Garten kam, beschäftigt die Gemüter bis heute. Die Gnostiker glauben, dass Gott sie schickte. Damit wäre das Böse ein Teil von ihm.
Weniger nachgedacht hat man darüber, dass Adam und Eva bereits Bewusstsein besassen, als sie im Garten Gottes lebten. Immerhin gaben sie den Tieren Namen. Es ist wahr, das können auch Kinder. Adam und Eva, heisst es, schämten sich auch nicht voreinander, genau wie kleine Kinder. Die Schlange spricht mit Eva auch über den Tod, als sie Zweifel anmeldet, ob es richtig sei, vom Baum zu essen: «Mitnichten werden ihr sterben.» Wie steht es also mit dem Bewusstsein vom Tod? Wann wird der Mensch sich wirklich bewusst, dass er sterben muss? Mit sieben Jahren? Mit zwölf? Oder erst später mit zwanzig Jahren? Mit dreissig gar? Oder noch später? Was heisst das überhaupt, dass wir davon ein Bewusstsein haben? Verändert sich das Bewusstsein denn nicht im Lauf der Zeit, so dass wir das Gefühl haben, mit zwanzig ein anderer gewesen zu sein als wir es heute mit vielleicht vierzig sind? Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten. Und können Kinder wirklich sprechen wie Adam, der, als Gott ihm Eva zur Seite stellte, sagte: „Das ist doch Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch“? Der Kommentar des Autors der Genesis dazu lautet: „Darum wird ein Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden sein ein Fleisch.“ Wird hier wirklich noch von Kindern gesprochen?
Wenn die Genesis von bewussten Erwachsenen erzählt, dann verändert sich die Bedeutung des Dramas im Garten, dann besteht der Kern des Geschehens nicht so sehr darin, dass Adam und Eva vom Baum der Erkenntnis essen, sondern dass sie das Gebot Gottes missachten. Erst durch die Freiheit, die sich Adam und Eva nehmen und durch welche sie sich von Gott lossagen, werden der Tod und das Bewusstsein davon, was Gut und Böse ist, ihnen zum Problem. In der Einheit des Gartens unter der Obhut Gottes waren Adam und Eva geborgen und bildeten eine Einheit. Sie lebten in einem Zustand, wo Vergänglichkeit und Tod kein Problem bildeten. Erst als sie sich vom Gebot Gottes lossagen und von der verbotenen Frucht essen, zerstören sie die Grundlage dieser Einheit. Die Folge: Gott vertreibt sie aus dem Paradies und setzt die Engel vor den Eingang, damit die Vertriebenen nicht auch noch vom Baum des Lebens essen – fehlte nur noch, dass sie ewig leben.
Die Schlange also verführt das Urpaar zu einer Freiheit jenseit von Gott und diese Freiheit, so die Genesis, führt dazu, dass das Leben sich in Mühsal verwandelt. Ein notwendiges Geschehen. Die Schlange des Nichts – lies: das Bewusstsein vom Nichts – ist das Problem, an dem Adam und Eva zu leiden beginnen. Warum? Weil sie das Gebot Gottes missachten. Im Augenblick, wo sie daran denken, das Gebot zu übertreten, tritt die Schlange auf den Plan. Sie ist die Gestalt des Gedankens, die Möglichkeit zur Freiheit. Als sie sich entschliessen, der Schlange zu folgen, vom Baum zu essen, werden sie selbst (und damit alle ihre Nachkommen) einander feind. Die Angst hat sich im Leben des ersten Paars eingerichtet. Sie hat ihnen die Freiheit, die sie im Garten besassen, genommen. Soweit die Genesis.
Jeder von trägt die Gestalten der Ureltern in sich, ihre Geschichte wirkt bis in die Gegenwart fort. Ihr Problem ist auch unseres, selbst wenn wir davon nichts ahnen. Der Mythos von Adam und Eva ist die Folie, dem jedes Leben folgen muss. Er ist eine Bedinung menschlichen Existierens, ein Urstoff, der sich in jedem Leben fortsetzt. Die Universalität des Mythos ist vielleicht die Ursache für seine Unsichtbarkeit im konkreten Leben. Wäre da nicht unsere Sehnsucht, wir hätten den Garten längst vergessen. Aber wir haben ihn nicht vergessen.
In der Literatur gibt es Versuche, den Garten nachzubilden. In seinem Roman «Der Nachsommer» gelang Adalbert Stifter (1805-1868) diese Rekonstruktion in einer glaubwürdigen Art. Der Roman hat seine Zeit überdauert. Der unspektakuläre Stoff scheint durch die einfache und ungekünstelte Sprache gestaltet zu sein. Äusserlich gesehen geschieht in dem Roman recht wenig. Ein junger Mann lernt auf einer Reise, die er zum Zweck erdwissenschaftlicher Forschungen in den Alpen unternimmt, den Besitzer eines Landgutes kennen. Er befreundet sich mit dem Mann, man führt Gespräche über die Kunst und den Landbau. Rund um das Haupthaus des Anwesens gedeihen Rosen, weshalb es das «Rosenhaus» genannt wird. Im folgenden Jahr kehrt der junge Mann auf Einladung des Gutsherrn ins Rosenhaus zurück und alles ist wie im vorigen Jahr. Während eines weiteren Aufenthalts lernt er die Tochter einer Freundin des Gutsherrn kennen, die am Ende seine Frau werden wird. Lange Exkurse über das Wesen der Kunst, seitenlange Beschreibungen von Interieurs und viele zum Teil grandiose Landschaftsbeschreibungen sind in die Handlung eingewoben. Was den Roman ausserordentlich macht, ist aber nicht die Schilderung der Details, sondern die Art, wie die Figuren miteinander umgehen. Es herrscht eine für unsere Begriffe ans Absurde grenzende Höflichkeit und Harmonie. Nie fällt ein lautes Wort, nie kommt es zur geringsten Unstimmigkeit, immer ist der junge Mann mit sich und den anderen im Reinen. Auch im Rosenhaus ist immer alles in der besten Ordnung, der Gutsherr behandelt seinen stets gut und gerecht, so dass zur Unzufriedenheit nicht der geringste Anlass besteht. Was beim Lesen zu Beginn befremden mag, wird mit der Zeit ganz unentbehrlich, ja natürlich. Wir können uns mit der Zeit nichts mehr anderes vorstellen als was uns Stifter beschreibt und das macht den Roman zu etwas Einzigartigem im grossen Garten der abendländischen Literatur. Stifter unterrichtet seine Leser ausserdem zu keinem Zeitpunkt über das Innenleben der Figuren, selbst die Liebe, die der junge Mann zu Natalie fasst, bleibt solange unausgesprochen, bis die jungen Leute sie einander offenbaren. In der Art, wie Stifter den Stoff gestaltet, liegt denn auch der Zündstoff des Romans: er ist das in der Literatur seltene Wagnis eingegangen, das Negative ganz beseite zu lassen. Nur einmal, als der Gutsherr in einem Rückblick über eine frühe Liebe berichtet, die unglücklich endete, erfahren wir von den existenziellen Schwierigkeiten, die das Leben mit sich bringt.
Der «Nachsommer» gibt ein Bild davon, wie das Zusammenleben unter Menschen auch noch sein könnte. Man muss dem Autor glauben, sonst kann man das Buch nicht lesen, denn „vernünftig“ an dem Roman ist nichts. Nirgends leben Menschen in einer solchen Harmonie. Gerade darum ist das Buch eine moderne Utopie, deren Kern allein in uns selbst liegt.
Stifters Roman steht im schroffen Gegensatz zu den politischen Utopien, die mit Heilsphantasien für ganze Gesellschaften operieren. Seine Utopie ist eine, die im intimen Bezirk des ganz persönlichen Lebens gelebt wird. Die Veränderungen werden den Figuren nicht von aussen durch irgendwelche politische Ideologien aufgezwungen, die von den Menschen und ihren Nöten nichts wissen, sondern ergeben sich aus den Lebensumständen und der Lebenserfahrung wie von selbst.
Durch die symbolische Lesart wird der Garten Eden zu einem Ort in uns selbst. Dann geht es nicht mehr an, den Garten als blosses Bild für die glücklichen Stunden der Kindheit zu sehen. Der Garten wird dann vielmehr zu einem Orientierungspunkt für die eigene Existenz. Wir sind die Vertriebenen. Diese Einsicht ist ein Anfang, der erste Schritt zurück aus dem Exil. Was wirklich gewesen ist, kann es wieder werden. Diese Hoffnung besteht, auch das erzählt uns der Garten, den wir nicht vergessen können. Sein Bild ist unvergänglich, es steht nicht gegen die Zeit, sondern tiefer in ihr. Adam und Eva im Garten bilden die Urfigur anderen Lebens.
[ General ]
by auroraconsurgens
@ 08.11.2007 15:31 CEST
Der Anblick der Schlafenden: er rührt an den Traum der Reinheit.
[ General ]
by auroraconsurgens
@ 03.11.2007 16:01 CEST
«Die Lilien blühen –
Doch wie kann ich vergessen,
Was einst gewesen?»
Shokyû-ni
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by auroraconsurgens
@ 03.11.2007 16:00 CEST
Das Problem der Vierzig. Das Rumoren des Mittagsdämons im Untergrund. Die Langeweile, die Erschöpfung. Am höchsten Punkt das Gefühl, am Tiefpunkt angelangt zu sein. Es ist wahr: «Das Gefühl totalen Scheiterns.» Wer es nie gekannt hat, hat nie gelebt.