Das Glück in Quarantäne
«Man hat die Melancholie in den vergangenen zwei Jahrhunderten so lange gezähmt, bis man sie zur Sentimentalität reduziert hatte. Das Glück wiederum, das seit Platon über die grossen westlichen Mystiker bis hin zu den Romantikern stets als ein einzigartiges Moment der Berührung mit der Transzendenz galt, versuchte man auf die Erfahrung der Zufriedenheit zu beschränken. Das hat oft zu einer unkritischen Bejahung der bestehenden Verhältnisse geführt, hinter der sich eine stillschweigende Übereinkunft verbarg: Störst du den Lauf der Welt nicht, lassen auch wir dich in Frieden. Die wirtschaftlichen und politischen Implikationen dieser Haltung sind allzu offensichtlich. Und zwar nicht nur für die totalitären Dikaturen, sondern auch für die Zeit danach, in der die Wirtschaft eine so masslose Übermacht erlangt hat, dass Slavoj Zizesks Annahme, das Leben auf Erden könnte irgendwann aufhören, der Kapitalismus jedoch weiterhin wie geschmiert funktionieren, sich zu bestätigen scheint. Wenn dem so ist – und momentan deutet noch nichts auf dessen Gegenteil –, müssen die Melancholie und das Glück tatsächlich in Quarantäne genommen werden. Denn indem sie die Logik des Kapitals verweigern, bejahen sie ein andersartiges, reicheres Leben.»
Laszlo F. Földényi, «Glück und Melancholie oder Lob ihrer Unzeitgemässheit», NZZ vom 29./30. September 2007
Laszlo F. Földényi, «Glück und Melancholie oder Lob ihrer Unzeitgemässheit», NZZ vom 29./30. September 2007
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