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Asche

«Das Wort Asche enthält dunkle Todesahnung; wenn man Asche auf das Gesicht aufträgt, wird es weiss wie im Tod. Hiob bedeckte sich mit Asche, um zu zeigen, dass der alte, glückliche Hiob tot sei und dass der lebende Hiob den toten Hiob betrauere. Aber wir heute, wie können wir die Aschenseite der Dinge entdecken, wenn die Gesellschaft entschlossen ist, eine Welt voller Einkaufszentren und Vergnügungsparks zu schaffen, die uns glauben machen will, dass es keinen Tod gibt, keine Entstellung, keine körperliche, keine Geisteskrankheit, keine Armut, Lethargie und kein Unglück? Disneyland bedeutet „keine Asche“. Trotz unserer Disneyland-Kultur fangen einige Männer zwischen fünfunddreissig und vierzig an, in ihrem Privatleben Erfahrungen mit Asche zu machen, ohne ein Ritual, sogar ohne ältere Männer. Ihnen wird allmählich klar, wie viele ihrer Träume zu Asche geworden sind. Ein junger Mann in der High-School träumt davon, Rennfahrer oder Bergsteiger zu werden, er wird Miss America heiraten, er wird mit dreissig Millionär sein, er wird mit fünfundvierzig den Nobelpreis bekommen, er wird Architekt werden und das höchste Gebäude der Welt bauen. Er wird aus seinem Provinznest ausbrechen und in Paris leben. Er wird fantastische Freunde haben ... und mit fünfundreissig sind alle diese Träume zu Asche geworden.

Mit fünfunddreissig beginnt auch sein innerer Ofen, Asche zu produzieren. In seinen Zwanzigern zog sein Ofen so gut, dass er ganze Nächte durchmachen konnte; Saufgelage, sexuelle Ausschweifungen, Leidenschaft, Verrücktheiten, Riesenaufregungen waren kein Problem für ihn. Dann stellt er eines Tages fest, dass sein Ofen grosse Brocken nicht mehr gut verkraftet. Er macht die Ofenklappe auf, und da fällt Asche auf den Boden. Es ist an der Zeit, dass er sich im Haushaltswarengeschäft eine kleine schwarze Schaufel kauft und auf die Knie geht. Die Asche fällt von der Schaufel auf den Boden, und er kann den Abdruck unserer Schuhsohlen in der Asche erkennen.

Robert Frost hat über den „Ofenvogel“ gesagt:
Die Frage, die er wortlos stellt,
ist nach dem Wert des schwach gewordenen Dings.

Neue Diäten, neue Popstars, neue Autoren, wenn du fünfunddreissig geworden bist, ist alles zu Asche geworden.»

Robert Bly, «Eisenhans»
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Das Glück in Quarantäne

«Man hat die Melancholie in den vergangenen zwei Jahrhunderten so lange gezähmt, bis man sie zur Sentimentalität reduziert hatte. Das Glück wiederum, das seit Platon über die grossen westlichen Mystiker bis hin zu den Romantikern stets als ein einzigartiges Moment der Berührung mit der Transzendenz galt, versuchte man auf die Erfahrung der Zufriedenheit zu beschränken. Das hat oft zu einer unkritischen Bejahung der bestehenden Verhältnisse geführt, hinter der sich eine stillschweigende Übereinkunft verbarg: Störst du den Lauf der Welt nicht, lassen auch wir dich in Frieden. Die wirtschaftlichen und politischen Implikationen dieser Haltung sind allzu offensichtlich. Und zwar nicht nur für die totalitären Dikaturen, sondern auch für die Zeit danach, in der die Wirtschaft eine so masslose Übermacht erlangt hat, dass Slavoj Zizesks Annahme, das Leben auf Erden könnte irgendwann aufhören, der Kapitalismus jedoch weiterhin wie geschmiert funktionieren, sich zu bestätigen scheint. Wenn dem so ist – und momentan deutet noch nichts auf dessen Gegenteil –, müssen die Melancholie und das Glück tatsächlich in Quarantäne genommen werden. Denn indem sie die Logik des Kapitals verweigern, bejahen sie ein andersartiges, reicheres Leben.»

Laszlo F. Földényi, «Glück und Melancholie oder Lob ihrer Unzeitgemässheit», NZZ vom 29./30. September 2007
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Stil und Persönlichkeit

Cyril Connolly macht sich in seinen lesenswerten Aufzeichnungen «Palinurus - Das ruhelose Grab» Gedanken über den Stil: «Flaubert sagte ganz richtig: Ein grosser Künstler braucht sowohl Charakter als auch Fanatismus, um voranzukommen, und nur wenige hierzulande sind bereit, diesen Preis zu zahlen. Unsere Schriftsteller haben entweder keine Persönlichkeit und daher keinen Stil oder eine falsche Persönlichkeit und daher einen schlechten Stil; sie verwechseln Vorurteil mit Energie und betrachten das Gefühl materiellen Wohlstands als Ideengebäude.»
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Unterscheidung

Wir können nur unterscheiden als Unterschiedene. Wir können nur verstehen als Verstandene.
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Wir werden staunen

Unsere Zeit wird in die Geschichte eingehen als die Zeit des Dokumentierens, Konservierens, des Festhaltens von Vergangenem. Wir leben in einer Zeit, die der Vergangenheit grösseres Gewicht beimisst als der Gegenwart. Ständig versucht sie Gegenwart herzustellen, indem sie sich mit der Vergangenheit befasst. Vergangene Kunstformen, vergangene Geschichte, vergangene Zeiten überhaupt beschäftigen uns über Gebühr. Wann werden wir den Mut finden, die unzähligen Stätten zu schliessen, die nichts als Vergangenheit reproduzieren? Erst wenn unser Blick sich vom Gewesenen löst, werden wir erwachen. Wir werden staunen über die Schönheit der Gegenwart.
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