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Der richtige Zeitpunkt

Es gibt Autoren, deren Namen uns lange Zeit bekannt sind, bevor wir uns mit ihren Büchern befassen. Einmal haben wir ihre Namen gehört und nicht mehr vergessen. Jahre später stossen wir in einem Antiquariat oder in der Bibliothek eines Bekannten zufällig wieder auf ein Buch eines solchen Autors. Wir blättern im Buch, stellen es aber wieder zurück ins Regal. Noch war es nicht Zeit. Nach einiger Zeit stossen wir erneut auf den Autor und diesmal zündet der Funke. Jetzt müssen wir ihn lesen und wenn wir später darüber nachdenken, wird uns klar, dass es der richtige Zeitpunkt für ihn war. Nicht selten handelt es sich dabei um Autoren, die am Rand der literarischen Strömung ihrer Zeit tätig waren oder sind, ihr Bekanntheitsgrad bleibt auch nach ihrem Tod eher beschränkt, sozusagen umgekehrt proportional zu ihrer künstlerischen Leistung. Mir ging es so mit Meister Eckehart, Sören Kierkegaard, Cristina Campo, Reinhold Schneider, Agota Kristof, Ernst Jünger, Hans Blumenberg. Ähnlich kann es uns mit einzelnen Büchern gehen, deren Existenz uns lange Zeit bekannt war, ohne dass wir sie gelesen hätten. Hier kommt mir Jens Peter Jacobsens «Niels Lyhne» oder Rilkes «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» in den Sinn. Rilkes Roman las ich mit fünfunddreissig, obwohl ich ihn damals schon seit vielen Jahren besass.
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