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Über Paare

Der Anblick des Paars ist ein doppelter: Ich sehe die Frau im Mann und den Mann in der Frau. So sehe ich ungleich mehr, wenn ich ein Paar sehe, als wenn ich eine Frau oder einen Mann allein sehe. Mit wem jemand sich bindet, weist auf ihn selbst zurück und erhöht seine Sichtbarkeit. Nochmals verändert sich das Bild des Paars, wenn Kinder dazukommen oder die Verwandtschaft. Was immer wir aber sehen, es lässt sich nicht benennen.

Bei alten Paaren wird der Anblick zwingender: was sie gewesen sind, lässt sich nicht mehr verheimlichen. Die Zeit für Entwicklungen ist vorüber. Daher wirken Heiterkeit und Zufriedenheit, aber auch Trostlosigkeit und Unzufriedenheit bei alten Paaren stärker auf uns als bei jüngeren. Bei diesen scheinen Veränderungen noch möglich.

Es gibt Paare, die gleichen sich wie Bruder und Schwester, manche von ihnen haben auch eine ähnliche Art sich auszudrücken und zu bewegen. Solche Paare sieht man oft zusammen und sie fallen sogleich auf. Eine Zeitlang begegnete ich einem solchen Bruder-Schwester-Paar regelmässig in Zürich und immer war mir, als beständen sie aus einem Körper.

Eine starke erotische Anziehung zwischen einem Mann und einer Frau ist auch für Dritte körperlich spürbar. Selbst wenn keine Berührung stattfindet, werden wir auf das Paar durch die unterirdischen erotischen Signale aufmerksam. Ich erinnere mich an ein Paar im Tram, bei dem ich das Gefühl der Anziehung sehr stark empfand, ohne dass die beiden sich auffällig verhielten. Ich sass hinter ihnen und glaubte bloss zu sehen, wie sie strahlten. Plötzlich aber beugte die Frau sich zum Mann und begann ihn leidenschaftlich zu küssen.

Wie stark die Anziehung eines Paars nach aussen wirkt, verdeutlicht sich auch daran, dass wir Paare, die ihre Liebe vor der Aussenwelt verheimlichen, manchmal trotzdem als Paar wahrnehmen. Die Aura der Verliebtheit wirkt stärker als die Verstellung. Selbstverständlich wirken auch die eigenen Gedanken in diese Richtung, weswegen wir gut daran tun, uns nicht zu sehr mit jemandem zu beschäftigen, wenn wir vermeiden wollen, dass Aussenstehende es bemerken.

Eigentlich ziehen nur wenige Paare unsere Aufmerksamkeit an. Ich erinnere mich an ein Paar, wo der Mann bedeutend jünger als die Frau war. Die beiden begegneten mir mehrmals in einer bestimmten Tramlinie. Als ich sie zum ersten Mal sah, glaubte ich für einen Moment, dass es sich um Mutter und Sohn handelte, doch die Art, wie sie miteinander sprachen, die Art auch, wie die Frau den Mann anblickte, belehrte mich eines Besseren. Später freute ich mich jedesmal, wenn ich die beiden sah. Es ging etwas beinahe Abenteuerliches von ihnen aus, denn sie waren mit ihrer Liebe ein Wagnis eingegangen, sie widerstanden in einem gewissen Sinn dem Gesetz der Zeit. Der umgekehrte Fall, der uns – naturgemäss – viel häufiger begegnet, ist nicht halb so interessant. Dies liegt daran, dass das Paar sich dann nicht im Widerspruch zur möglichen Elternschaft befindet, während, ist die Frau bedeutend älter, die Frage nach Kindern sich oft gar nicht erst stellt. So gesehen ist die gesellschaftlich höhere Akzeptanz von Paaren, bei denen der Mann älter ist als die Frau, durchaus begreiflich.

Die Sprache des Paars bildet einen eigenen Raum. Hier gibt es viele Variationen und doch wiederholen sich die Variationen auch. Es heisst, dass Paare, die sich sprachlich gut verständigen können, länger zusammen bleiben als andere. Das hat etwas Wahres, aber auch Paare, die nicht viel miteinander sprechen, bleiben manchmal ein Leben lang zusammen. Die Sprache bleibt ein geistiger Überbau und der Zwang zur Aussprache schadet manchmal mehr als das Schweigen. Die Wurzeln einer Paarbeziehung reichen tiefer die Sprache, die sie im besten Fall sichtbar machen kann, berühren die vegetative Zone, wobei die beiden Bereiche sich nicht trennen lassen. Es gibt keinen Geist ohne Erde und umgekehrt.

Das auf die Familie ausgerichtete Paar folgt den Bestimmungen der Natur. Kinder sind für das Paar eine Form der vorgebenen Transzendenz.

Die Paarfigur ist ein äusserst variables Phänomen, das sich doch immer wieder gleicht. Die Grundgeschichte des Paars verändert sich nicht, davon zeugt die Literatur der letzten zweitausend Jahre. Paargeschichten wiederholen sich durch die Zeiten. Wir lieben heute nicht anders als es Walther von der Vogelweide beschrieb: «Du bist mîn, ich bin dîn…» Und doch wird das Paar im Lauf der Zeit ein anderes. Wir selbst verändern unser Bewusstsein vom Paar, damit verändert sich auch das Paar. Es wächst oder mindert sich mit jenem.

Das Paar hat mythische Kraft. Wir finden sie beim Urpaar im Garten Gottes ebenso wie bei Shakespeares Romeo und Julia. Auch das Ganovenpärchen Bonnie und Clyde strahlt diese Kraft aus. Die Mythos vom Paar fesselt unsere Phantasie, weil sie uns auf jenen Teil der Liebe verweist, die scheinbar über den Gesetzen der Welt steht. Im Bewusstsein dieser Kraft wird auch Ingeborg Bachmann ihren existenziellen Ruf „Undine geht“ geschrieben haben, jene moderne Mythe von der Sehnsucht nach Ewigkeit in der Liebe. Nach der Lektüre glauben wir zu wissen, dass die Liebe des Paars im Kern etwas Unzerstörbares hat, das selbst den Tod überdauert.
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