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by auroraconsurgens
@ 26.09.2007 21:44 CEST
Die Gefahr, sich in der Stadt zu verirren, ist gross. Die Häuser sehen alle gleich aus, die Strassen tragen keine Namen. Man folgt den Wegweisern, doch man traut ihnen nicht. Alle Leute sind in Eile. Wenn man nach dem Weg fragt, bekommt man keine Antwort. So hört man nach einer Weile auf zu fragen. Man geht einfach weiter, immer den Wegweisern nach. Ein Mann steht am Strassenrand und singt. Man eilt vorbei, ohne den Kopf zu heben. Nicht weil einem der Gesang missfällt, im Gegenteil, eigentlich möchte man ihm zuhören, aber man schämt sich so allein zu stehen. Im Gehen lösen sich die Schnürsenkel. Man kniet nieder und bindet sie. Da tönt es: Sie versperren den Weg! Rasch erhebt man sich und geht weiter. Man trifft auf eine Gruppe, die im Kreis steht, und gesellt sich hinzu. Ein Mensch liegt im Sterben. Man schaut eine Weile zu, dann wendet man sich ab. Man hört noch: Bald hat er es hinter sich! Später, als man schon viele Stunden durch die Strassen gegangen ist, immer den Wegweisern nach, entdeckt man, dass die Wegweiser gar nicht beschriftet sind. Man stutzt; denn man ist sicher, etwas auf ihnen gelesen zu haben, als man in die Stadt kam. Man überlegt, doch man kommt zu keinem Ergebnis. Eine Stimme dröhnt: Haben Sie nichts zu tun! Man schweigt beschämt. Der andere hat Recht. Warum sich aufhalten mit Nebensächlichem? Man geht weiter und kümmert sich nicht länger um die leeren Wegweiser.
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by auroraconsurgens
@ 23.09.2007 21:38 CEST
«Der Mann hörte auf die Frau zu lieben und sie wurde ihm unterscheidbar. Sie aber liebte ihn noch immer. Er liebte vielleicht noch sein Gefühl sie einst geliebt zu haben. Es war der kümmerliche Rest einer Liebe, die ihn nicht mehr kannte. Auf einen Schlag wurde alles in die Vergangenheit entrückt. Die Frau aber liebte ihn weiter, so wie es ihrer Liebe möglich war.
Ihre Liebe hatte schon lange gewusst, dass er sie nicht mehr liebte. Aber nicht dass die andere Frau schöner gewesen wäre, jünger, was immer – dass er eine andere liebte, würde die Frau schmerzen, und das wollte die Liebe ihr schon lange sagen. Aber die Frau wollte es nicht hören, sie glaubte nicht, dass die Liebe so zu ihr sprechen wollte, denn noch liebte sie den Mann.
Als der Mann die Frau verliess, stolperte die Frau in die Abgründe der Verlassenheit. Die plötzliche Leere um sie herum liess sie ihre Liebe nur noch lebhafter fühlen. Die Liebe aber konnte sie nicht mehr trösten, sie erinnerte die Frau nurmehr an das, was gewesen war. Die Frau aber liebte den Mann noch immer.
Und der Mann? Er fühlte, dass die Frau ihn noch liebte. Aber er konnte nicht zurück. Die Liebe der Frau verbot es ihm.»
Marc Winter, «Die Verzögerung»
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by auroraconsurgens
@ 20.09.2007 21:19 CEST
Es gibt Autoren, deren Namen uns lange Zeit bekannt sind, bevor wir uns mit ihren Büchern befassen. Einmal haben wir ihre Namen gehört und nicht mehr vergessen. Jahre später stossen wir in einem Antiquariat oder in der Bibliothek eines Bekannten zufällig wieder auf ein Buch eines solchen Autors. Wir blättern im Buch, stellen es aber wieder zurück ins Regal. Noch war es nicht Zeit. Nach einiger Zeit stossen wir erneut auf den Autor und diesmal zündet der Funke. Jetzt müssen wir ihn lesen und wenn wir später darüber nachdenken, wird uns klar, dass es der richtige Zeitpunkt für ihn war. Nicht selten handelt es sich dabei um Autoren, die am Rand der literarischen Strömung ihrer Zeit tätig waren oder sind, ihr Bekanntheitsgrad bleibt auch nach ihrem Tod eher beschränkt, sozusagen umgekehrt proportional zu ihrer künstlerischen Leistung. Mir ging es so mit Meister Eckehart, Sören Kierkegaard, Cristina Campo, Reinhold Schneider, Agota Kristof, Ernst Jünger, Hans Blumenberg. Ähnlich kann es uns mit einzelnen Büchern gehen, deren Existenz uns lange Zeit bekannt war, ohne dass wir sie gelesen hätten. Hier kommt mir Jens Peter Jacobsens «Niels Lyhne» oder Rilkes «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» in den Sinn. Rilkes Roman las ich mit fünfunddreissig, obwohl ich ihn damals schon seit vielen Jahren besass.
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by auroraconsurgens
@ 15.09.2007 11:17 CEST
In der morgigen Ausgabe der NZZ am Sonntag erscheint ein Artikel über den Rücktritt von Bundesrat Christoph Blocher. Der Bericht stützt sich auf eine Quelle im privaten Umfeld des Bundesrates. Laut dieser Quelle, welche die NZZ am Sonntag als vertrauenswürdig einstuft, sei alles bereit für die «reibungslose Stabübergabe» nach den Wahlen. Der Grund für den geplanten Rücktritt Blochers sei die «mangelnde Akzeptanz seiner Person» im Bundesratskollegium. Diese mache ihm zunehmend zu schaffen. Die Vorkommnisse der letzten zwei Wochen um den vermeintlichen Geheimplan zur Absetzung von Bundesanwalt Rorschacher hätten mit dem geplanten Rücktrtt nicht direkt zu tun. Blocher sei es einfach Leid, ständig «in unangemessener und bösartiger Weise» von gewissen Kollegen im Bundesrat angegriffen und desavouiert zu werden. Er sei in der Landesregierung «zunehmend isoliert», an den Bundesratssitzungen werde «mehr abgerechnet als diskutiert». Selbst sein Parteikollege Samuel Schmid halte ihm nicht mehr die Stange. In der Tat ist es kein Geheimnis, dass Blocher und Schmid in Fragen des Führungsstils und in entscheidenden Sachfragen abweichende Meinungen vertreten. Führende Exponenten von Blochers Partei wollen laut dem Artikel von den Plänen ihres Magistraten nichts wissen. Es handle sich wieder einmal um linke Hirngespinste, wie sie vor den Wahlen jeweils grassieren würden. Christoph Blocher selbst dementierte auf Anfrage der NZZ am Sonntag jegliche Rücktrittsabsichten, er sei nach wie vor «voll im Saft» und bereit, dem Land «mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln weiter zu dienen» … Ja, und über diesem Dementi bin ich heute morgen erwacht.
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by auroraconsurgens
@ 14.09.2007 21:50 CEST
Der Anblick des Paars ist ein doppelter: Ich sehe die Frau im Mann und den Mann in der Frau. So sehe ich ungleich mehr, wenn ich ein Paar sehe, als wenn ich eine Frau oder einen Mann allein sehe. Mit wem jemand sich bindet, weist auf ihn selbst zurück und erhöht seine Sichtbarkeit. Nochmals verändert sich das Bild des Paars, wenn Kinder dazukommen oder die Verwandtschaft. Was immer wir aber sehen, es lässt sich nicht benennen.
Bei alten Paaren wird der Anblick zwingender: was sie gewesen sind, lässt sich nicht mehr verheimlichen. Die Zeit für Entwicklungen ist vorüber. Daher wirken Heiterkeit und Zufriedenheit, aber auch Trostlosigkeit und Unzufriedenheit bei alten Paaren stärker auf uns als bei jüngeren. Bei diesen scheinen Veränderungen noch möglich.
Es gibt Paare, die gleichen sich wie Bruder und Schwester, manche von ihnen haben auch eine ähnliche Art sich auszudrücken und zu bewegen. Solche Paare sieht man oft zusammen und sie fallen sogleich auf. Eine Zeitlang begegnete ich einem solchen Bruder-Schwester-Paar regelmässig in Zürich und immer war mir, als beständen sie aus einem Körper.
Eine starke erotische Anziehung zwischen einem Mann und einer Frau ist auch für Dritte körperlich spürbar. Selbst wenn keine Berührung stattfindet, werden wir auf das Paar durch die unterirdischen erotischen Signale aufmerksam. Ich erinnere mich an ein Paar im Tram, bei dem ich das Gefühl der Anziehung sehr stark empfand, ohne dass die beiden sich auffällig verhielten. Ich sass hinter ihnen und glaubte bloss zu sehen, wie sie strahlten. Plötzlich aber beugte die Frau sich zum Mann und begann ihn leidenschaftlich zu küssen.
Wie stark die Anziehung eines Paars nach aussen wirkt, verdeutlicht sich auch daran, dass wir Paare, die ihre Liebe vor der Aussenwelt verheimlichen, manchmal trotzdem als Paar wahrnehmen. Die Aura der Verliebtheit wirkt stärker als die Verstellung. Selbstverständlich wirken auch die eigenen Gedanken in diese Richtung, weswegen wir gut daran tun, uns nicht zu sehr mit jemandem zu beschäftigen, wenn wir vermeiden wollen, dass Aussenstehende es bemerken.
Eigentlich ziehen nur wenige Paare unsere Aufmerksamkeit an. Ich erinnere mich an ein Paar, wo der Mann bedeutend jünger als die Frau war. Die beiden begegneten mir mehrmals in einer bestimmten Tramlinie. Als ich sie zum ersten Mal sah, glaubte ich für einen Moment, dass es sich um Mutter und Sohn handelte, doch die Art, wie sie miteinander sprachen, die Art auch, wie die Frau den Mann anblickte, belehrte mich eines Besseren. Später freute ich mich jedesmal, wenn ich die beiden sah. Es ging etwas beinahe Abenteuerliches von ihnen aus, denn sie waren mit ihrer Liebe ein Wagnis eingegangen, sie widerstanden in einem gewissen Sinn dem Gesetz der Zeit. Der umgekehrte Fall, der uns – naturgemäss – viel häufiger begegnet, ist nicht halb so interessant. Dies liegt daran, dass das Paar sich dann nicht im Widerspruch zur möglichen Elternschaft befindet, während, ist die Frau bedeutend älter, die Frage nach Kindern sich oft gar nicht erst stellt. So gesehen ist die gesellschaftlich höhere Akzeptanz von Paaren, bei denen der Mann älter ist als die Frau, durchaus begreiflich.
Die Sprache des Paars bildet einen eigenen Raum. Hier gibt es viele Variationen und doch wiederholen sich die Variationen auch. Es heisst, dass Paare, die sich sprachlich gut verständigen können, länger zusammen bleiben als andere. Das hat etwas Wahres, aber auch Paare, die nicht viel miteinander sprechen, bleiben manchmal ein Leben lang zusammen. Die Sprache bleibt ein geistiger Überbau und der Zwang zur Aussprache schadet manchmal mehr als das Schweigen. Die Wurzeln einer Paarbeziehung reichen tiefer die Sprache, die sie im besten Fall sichtbar machen kann, berühren die vegetative Zone, wobei die beiden Bereiche sich nicht trennen lassen. Es gibt keinen Geist ohne Erde und umgekehrt.
Das auf die Familie ausgerichtete Paar folgt den Bestimmungen der Natur. Kinder sind für das Paar eine Form der vorgebenen Transzendenz.
Die Paarfigur ist ein äusserst variables Phänomen, das sich doch immer wieder gleicht. Die Grundgeschichte des Paars verändert sich nicht, davon zeugt die Literatur der letzten zweitausend Jahre. Paargeschichten wiederholen sich durch die Zeiten. Wir lieben heute nicht anders als es Walther von der Vogelweide beschrieb: «Du bist mîn, ich bin dîn…» Und doch wird das Paar im Lauf der Zeit ein anderes. Wir selbst verändern unser Bewusstsein vom Paar, damit verändert sich auch das Paar. Es wächst oder mindert sich mit jenem.
Das Paar hat mythische Kraft. Wir finden sie beim Urpaar im Garten Gottes ebenso wie bei Shakespeares Romeo und Julia. Auch das Ganovenpärchen Bonnie und Clyde strahlt diese Kraft aus. Die Mythos vom Paar fesselt unsere Phantasie, weil sie uns auf jenen Teil der Liebe verweist, die scheinbar über den Gesetzen der Welt steht. Im Bewusstsein dieser Kraft wird auch Ingeborg Bachmann ihren existenziellen Ruf „Undine geht“ geschrieben haben, jene moderne Mythe von der Sehnsucht nach Ewigkeit in der Liebe. Nach der Lektüre glauben wir zu wissen, dass die Liebe des Paars im Kern etwas Unzerstörbares hat, das selbst den Tod überdauert.
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by auroraconsurgens
@ 11.09.2007 22:06 CEST
Die Unbeschwertheit des jungen Paars heute im Tram. Sie sprachen über Schulnoten, ihr Gespräch erinnerte mich an meine eigene Jugend. Wäre es so gewesen, damals, einmal, vieles wäre vielleicht einfacher gewesen. Später stiegen sie aus, scherzend, zogen davon. Ich sah ihnen nach und dachte, heute Nachmittag gehört ihnen die Welt. Der junge Mann sah die junge Frau noch immer mit dem Ausdruck des restlos Glücklichen an. Auch im Tram hatte er die ganze Zeit gelächelt; es war ein selbstgewisses, seliges Lächeln. Er war glücklich und es gab nichts, das sein Glück jetzt trüben konnte. Da zu sein, mit i h r sein, genügte ihm jetzt vollkommen. Auch die junge Frau lächelte, wenn sie den jungen Mann anblickte; sie schien geschmeichelt durch seine Aufmerksamkeit. Sie waren ganz vertieft in ihr Scherzen, sahen nur sich selbst. Mehr war jetzt auch nicht nötig. Nur der Untröstliche sah und verstand es.
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by auroraconsurgens
@ 11.09.2007 22:04 CEST
Viele Männer gleichen unbewohnten Planeten. Kann man sich etwas Langweiligeres vorstellen? (Gedanke im Tram auf dem Weg zur Arbeit)
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by auroraconsurgens
@ 11.09.2007 11:24 CEST
In Erika Burkarts Aufzeichnungen «Grundwasserstrom» der Satz: «Der Preis der Freiheit ist die Einsamkeit.» Passend vielleicht zum heutigen Tag. Der Satz leuchtet unmittelbar ein, enthält aber nur die halbe Wahrheit; er gilt für die Freiheit im philosophischen Sinn, eine diesseitige Freiheit. Für diese Freiheit gibt es nur mich. Auch Sartre argumentierte so. Die Freiheit aber, die sich auf etwas Drittes bezieht, führt umkehrt zu mehr Verbundenheit mit allen Dingen. Zu denken ist an die Freiheit, wie sie etwa Buddha verkörperte. Eine solche Freiheit, die sich als Teil eines Ganzen begreift, kennt Mitgefühl und Mitleid, basiert auf dem Gedanken, dass es nichts Getrenntes gibt. Wir verlassen das rein diesseitige Terrain und betreten transzendentes Gelände.
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by auroraconsurgens
@ 07.09.2007 10:50 CEST
«Im langen Einspruch der Zeit erkannte er die Umrisse des Lebens, das gelebt werden musste. Durch die Begegnung mit B. lernte er die Bedingung der paradoxen Liebe kennen. Dass er eine Zeitlang in B. lebte, war eine Frage des Überlebens. Dem Bewusstsein der Zeit ausgeliefert, ahnte er nicht, dass eine wahre Stunde ein gleichgültiges Jahr aufwiegen konnte; schon die zeitliche Absehbarkeit der nächsten Begegnung quälte ihn ja. Beharrlich verwies B. ihn aber auf seine eigenen Dinge, was er wiederum als indirekte Abweisung auffasste und nicht als hilfreiche Bedingung von Gemeinsamkeit. Die Gestalt konstituierte sich erst in der Vereinzelung und die Liebe führte niemals Buch. Selbstbegleitung lautetet das Stichwort: er hatte die Zerlegung des Wir in Ich und Du zu bestehen.»
Marc Winter, «Die Verzögerung»
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by auroraconsurgens
@ 06.09.2007 21:42 CEST
Der Narr des Universums. Er allein wird glücklich sein.