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Sag nicht, wer du bist …

«Sag nicht, wer du bist und woher du kommst, damit ich dich nie vergesse.»

Erika Burkart, «Grundwasserstrom»
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Ein Aufbruch

Die Zeit hatte alles Bedrängende verloren, es gab nur die Erwartung eines Glücks, das die Farben der spätsommerlichen Gärten hatte. Du warst keine dreissig Jahre alt und doch schien deine Erinnerung bis zum Anfang der Welt zurückzureichen. Der Zustand deiner Unwissenheit war die Grundlage deiner grossen Erwartung. Augen hatten dich gesehen und vergassen dich nicht mehr.
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Durchs letzte Tor

«Diesseits des Flusses ist es nie zum Gespräch über die blauen Gefässe gekommen. War an jenem windig feuchten Nachmittag im späten Februar, da wir die Aussprache für das nächste Wochenende „anberaumten” (ein Wort, das Dir gefiel), Deine Selbstauslöschung bereits beschlossen? Täuschtest Du Dir und uns mit den vorgebrachten Plänen für Brenner III eine Brücke zurück ins Leben vor, an die Du nicht mehr glaubtest, sobald Du uns verlassen hattest? – Gingst Du, abgekehrt vom Haus der Freunde, bewusst in die andere Richtung, weg von uns, dem Haut und Knochen druchkältenden Nordwest entgegen, der die Lichter jenseits des Moors zu flackernden Irrlichtern verzerrte? „Wie Kerzenflammen auf einem Totenacker”: Du hast es nicht gesagt – und niemand weiss, was Du gedacht hast, als Du durch das Tor gingst, durch das Du nie mehr hereinkommen würdest, erscheinend zwischen den Schlingenrosenbüschen, fahrender Fremdling, Freund und Gast, in der Brusttasche das Notizbuch, um Wörter zu sammeln für ein Werk, das offen bleibt.»

Erika Burkart, «Grundwasserstrom»
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Über Träume

In der Traumwelt herrschen andere Gesetze als am Tag. Es gibt keinen geregelten Zeitablauf so wie wir ihn aus dem Wachzustand kennen, auch das Gesetz der Kausalität scheint ausser Kraft gesetzt zu sein. Wir befinden uns plötzlich an einem anderen Ort und auch sonst geschehen Dinge, die in der physischen Welt nicht möglich sind. Wir können auf einmal fliegen oder der Teufel bedroht uns oder jemand altert sehr schnell vor unseren Augen. Aus einem Baum fällt grüner Regen.

Früher schrieb ich im Traum manchmal sehr schwierige Dinge auf, die ich selbst nicht verstand. Zu gern hätte ich mich nach dem Erwachen daran erinnert, aber es gelang mir so gut wie nie. Ich wunderte mich, wie das möglich war, manchmal erinnerte ich mich an den Schriftzug, der nicht mein eigener war.

Die Figuren im Traum sind «durchsichtig». Es kann sein, dass wir zugleich in einer Figur und ausserhalb von ihr sind. Die individuellen Grenzen scheinen durchlässig. Manchmal wissen wir im Traum, was jemand denkt. Menschen, die wir gut kennen, erscheinen in unseren Träumen in anderer Gestalt und doch wissen wir sofort, wer sie sind. Wir halten uns an Orten mit ihnen auf, die wir nicht kennen, oder sie tun Dinge, die uns überraschen und die wir nicht verstehen. Sie zeigen sich von einer Seite, die wir noch nie an ihnen wahrgenommen haben. So wurde mir im Traum einmal die Traurigkeit einer Bekannten gezeigt, die ich eigentlich für einen fröhlichen Menschen hielt. Auch Fremde erscheinen in unseren Träumen, manchmal haben sie einen bedrohlichen Aspekt. Mir träumte eine Zeitlang von bedrohlich wirkenden Chinesen.

Von manchen Menschen träumen wir oft, vielleicht fast jede Nacht, andere, die uns vielleicht sehr nahe stehen, erscheinen nur selten in unseren Träumen. Manchmal erscheinen uns Menschen aus der Vergangenheit, an die wir lange nicht gedacht haben. Auch von Menschen, deren Bild wir nur aus dem Fernsehen kennen, träumen wir. Sie verkörpern vielleicht einen Aspekt unserer eigenen Öffentlichseins.

Mir träumte eine Zeitlang oft von Wölfen. Die Tiere waren eingesperrt, aber trotzdem sehr bedrohlich. Auch Schlangen, Vögel, Fische, Löwen, Bären, Hunde, aber auch Spinnen, Fliegen und Würmer sind mir schon im Traum erschienen. Ebenso wie die Tiere sind die Pflanzen in unseren Träumen präsent. Dabei ist nicht nur das Erscheinen der Tiere und Pflanzen wesentlich, sondern die Umstände ihres Erscheinens. Auch der unbelebte Kosmos erscheint zuzeiten in einem Traum, so das Meer, ein Stern, die Berge.

Bedeutsame Träume sind nicht häufig, aber wir erinnern uns lange an sie. Vor bald fünfzehn Jahren träumte mir einmal, ich stehle einem Mann blaue Diamanten aus der Tasche. Ich habe den Traum, der mich unangenehm berührte, nicht vergessen. Er zeigte wohl einen Aspekt aus meinem damaligen Leben und mahnt mich bis heute noch.

Auch Eros ist in unseren Träumen präsent. Dabei scheint es eher um die Sehnsucht als um die Erfüllung zu gehen. Oft bleibt es bei Annäherungen. Wir folgen einer fremden Frau in ein Zimmer, doch kommt es zu unserer Enttäuschung nicht zum Akt. Nicht selten werden wir während des erotischen Tuns von jemandem gestört. Wie Eros sich im Traum manifestiert, kann ein Hinweis darauf sein, wie es um unsere Lebenskraft bestellt ist.

Es kommt vor, dass der Wunsch der Vater des Traums ist. Dass es sich dabei immer um Wünsche sexueller Art handelt, wie Freud meinte, ist eine längst überholte Ansicht. Von Menschen, die jemanden verloren haben, der ihnen nahe stand, ist bekannt, dass sie träumen, die Person sei wieder lebendig. Offenbar wünscht der Träumende sich die Person zurück. Der Traum ist aber auch insofern wahr, als die Toten in uns lebendig bleiben.

Im Traum gibt es keinen Schatten, die Dinge haben ihr Licht wie aus sich selbst. An Farben im Traum erinnere ich mich selten. Mir träumte schon von Blut, das aber nicht jenes Rot aufwies, das es in Wirklichkeit hat; es war eher schwärzlich, ohne eigentliche Farbe.

Wird im Traum gesprochen, gibt es keinen Raumklang; denn der Raum existiert im Traum nicht so wie er uns am Tag erscheint. Was gesprochen wird, hört sich somit raumlos an, als würde die Sprache sich im Innern des Sprechenden ereignen. Auch daher kommt es, dass wir wissen, was jemand im Traum denkt.

Gegenstände erscheinen im Traum manchmal fragmenthaft, manche verlieren ihre Konturen, werden unscharf. Oder sie formen sich vor unseren Augen, verwandeln sich. Es gibt abstrakte Träume, deren Bilder uns erscheinen wie jenseits der Anschauung. So träumte mir einmal von grünen schwebenden Kugeln und ich wusste sofort, der Traum handelt vom Sehen und vom Opfer. Eine Begründung für dieses Wissen habe ich bis heute nicht.

Die Deutung von Träumen ist ein weites Feld. Viele haben sich darin versucht, mit unterschiedlichem Erfolg. Wir finden Traumdeutungen bereits in antiken Texten, auch in der Bibel. Berühmt sind Josephs Deutungen der Träume des Pharaos im Alten Testament. Wer Träume deuten konnte, stand in hohem Ansehen, wurde aber auch gefürchtet. Man glaubte, der Traumdeuter habe Zugang zu anderen Welten. Meiner Ansicht nach ist der Träumer selbst der begabteste Deuter seiner Träume. Seine Intuition, wenn er auf sie vertraut, wird ihm schon das Richtige über seine Träume sagen. Dazu muss er auch unangenehme Wahrheiten akzeptieren können. Es ist nicht nötig, einen Traum um jeden Preis verstehen zu wollen. Ich habe viele Träume nicht zu deuten versucht und bin trotzdem überzeugt davon, dass sie ihre Wirkung getan haben. Wenn wir einen unverständlichen Traum verstehen möchten, kann es von Nutzen sein uns zu fragen, was sich in unserem Leben ändern sollte. Manchmal erweist sich aber selbst dies als unmöglich.

Traumtheorien können zum Verständnis von Träumen hilfreich sein, bleiben aber Theorie. Die Traumbilder sind lebendig und haben ihre eigene unmittelbare Sprache, jenseits der Theorie. Wer sich den Traumbildern anvertraut, kann gut auf die Theorie verzichten. Das was wir träumen liegt – wie übrigens alles, was wir sehen – ein Stück weit jenseits der Erkenntnis.

Man sollte einen Traum nicht vorschnell in die Wirklichkeit übersetzen. Wenn wir im Traum krank sind, kann das auch ein Hinweis darauf sein, dass unser Leben sich im Ungleichgewicht befindet. Es kann aber auch auf ein reales Leiden hinweisen, denn wie es scheint, kann sich der Körper direkt dem Traum mitteilen. Ein Traum kann aber auch einen Ausweg aus einer realen Krankheit anzeigen, dem wir dann vielleicht intuitiv folgen und erst wirklich verstehen, wenn wir die Krankheit überwunden haben. Ein relativ häufiges Traummotiv ist die eigene Beerdigung oder der eigenen Tod. Ingmar Bergman hat das Motiv in seinem Film «Wilde Erdbeeren» aus dem Jahr 1957 ganz richtig als Initialtraum verwendet, der die Verwandlung eines eigensinnigen gefühlskalten Mannes in einen Menschen mit humanen Zügen einleitet. Der Prozess, der in Bergmans Film wenige Tage dauert, dauert im Leben oft Jahre.

Träume sind unsere Helfer. Sie zeigen uns etwas über unsere Wirklichkeit und die Art, wie wir ihr begegnen oder begegnen könnten. Nicht immer sind Träume nur auf uns selbst bezogen, aber immer steht die Person, von der wir träumen, in einer Beziehung zu uns. Diese Beziehung kann durchaus fiktiver Natur sein.

Dass Träume die Zukunft voraussagen, ist ein alter Glaube. Der Träumende sieht etwas, was sich später ereignet. Die Frau von Cäsar soll die Ermordung ihres Gemahls in der Nacht zuvor geträumt haben. Cäsar hörte nicht auf sie. Die Erzählung gehört vielleicht ins Reich der Legenden, die sich stets um grosse Namen ranken, ist aber ihrem Sinn nach wahr. Die existentielle Konstellation ist sozusagen der Untergrund, worauf der Traum gedeiht. Mir träumte manchmal von Briefen, die mich am nächsten Morgen wirklich erreichten. Eine Bekannte von mir träumte als junge Frau ihr späteres Leben in den verschiedenen Etappen voraus; sogar einzelne Personen und Orte erschienen ihr in jenem Traum. Sie verstand den Traum, der sie sehr beeindruckte, natürlich erst viele Jahre später. Im Traum sah sie weiter als ihr damals bewusstes Ich.

Unerinnerte Träume hinterlassen eine unruhige Leere. Sie gleichen Fischen, die wir am Haken hatten, die uns aber wieder entschlüpft sind. Manche dieser Träume lassen uns längere Zeit nicht in Ruhe. Es gelingt uns nur selten, uns doch noch an sie zu erinnern, denn die Erinnerung ist bekanntlich keine Sache des Willens. So ist es auch nicht verwunderlich, dass uns bei der Erinnerung an einen Traum manchmal der Zufall behilflich ist. Wir haben den Traum am Morgen vergessen, aber während wir zur Arbeit fahren, sehen wir in der Zeitung die Fotografie eines Fisches und erinnern uns sofort daran, dass wir letzte Nacht von einem Fisch geträumt haben. Mir ist es auch schon passiert, dass mich das Aussehen einer fremden Person im Tram an einen Traum erinnerte, den ich vergessen hatte. Unsere Antennen scheinen dann untergründig noch auf das Auffinden des vergessenen Traums ausgerichtet gewesen zu sein.
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Abendlandschaft

«Der Blick aus dem Fenster der S-Bahn auf das Industrieviertel, die Abendlandschaft des Menschen. Im Licht der tiefen Sonne die neuen gläsernen Komplexe neben den alten abbruchreifen Farbrikhallen. Der Weg dann durch sein Quartier, das Licht der Strassenlampen unter dem dämmrigen Himmel, die eiligen Heimkehrer. Am Strassenrand die schmutzigen Reste von Schnee, die ebenfalls nicht dazu geeignet waren, heimatliche Gefühle hervorzurufen. Zuhause beim Blick in den Spiegel seine rotgeränderten Augen. Er war zu erschöpft, um froh zu sein, die nächsten Stunden dem Arbeitsgefängnis entronnen zu sein. Die meisten Abenden verbrachte er allein. Selten läutete das Telefon, das er manchmal in die Leere klingeln liess. Wenn er nachts nicht schlafen konnte, stand er auf und sah aus dem Fenster. Manchmal bewegte der Schatten eines Tiers sich durch die dunklen Gärten vor dem Haus.»

Marc Winter, «Die Verzögerung»
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Die weisse Prosa

Die weisse Prosa wird farbig durch das Licht, das darauf fällt. Sie hat die Eigenschaften des Prismas, das das Licht entfaltet. Durch das lesende Auge wird die weisse Prosa farbig. Etwas wird farbig in uns beim Lesen. Stifter schrieb eine weisse Prosa. In neuerer Zeit finden wir sie bei Agota Kristof.
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Aller Dinge Bestand

Im Sohar finden wir eine schöne Beschreibung jener Kraft, die nach mystischem Verständnis die Welt in ihrem Innersten zusammenhält:

«Zwei Augen sind wiederum zu einem geworden. Von seinem wechselnden Blick ernährt sich alles. Wenn dieses Auge sich schlösse, vermöchte nichts mehr zu bestehen. Darum wird es geöffnetes Auge genannt, oberes Auge, heiliges Auge, überschauendes Auge, ein Auge, das nicht schläft noch schlummert, ein Auge das aller Dinge Wache, aller Dinge Bestand ist.»
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In der Asche

Martin Bubers «Die Erzählungen der Chassidim» geben uns luzide Einblicke in die jüdische Weisheitslehre. Manche der Geschichten sind sehr kurz, so die folgende, die den Titel «Der Ort des Feuers» trägt:

«Rabbi Mosche Löb sprach: „Feuer suchst du? Du findest es in der Asche.“»
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Die Ordnung der Schneeflocken

«Eines Morgens schneite es. Er stand am Fenster und schaute hinaus. Die Schneeflocken erinnerten ihn an Buchstaben in einem Buch. War ihre Ordnung je zu ergründen? Der Schnee in den Gärten wurde zur Haut, die die Dinge miteinander verband. Am Nachmittag schneite es noch immer; es schneite noch, als es dämmerte.»

Marc Winter, «Die Verzögerung»
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Die ganze Geschichte

Das Paar ist die g a n z e Geschichte. Im Leben des Paars verdichten sich Sinn, Liebe, Not, hier liegt der Kern des Geschehens, um das sich alles Übrige anordnet. Und doch ist das Paar selbst bloss ein Glied in einer unabsehbaren Reihe, das die Sehnsucht symbolisiert, die nicht vergehen wird. Etwas fehlt, das nur der andere mir geben kann – so glauben die Liebenden. Nichts ist so wahr und zugleich so unwahr: wir sind allein und eben doch nicht. Die Erinnerung an den alten Garten ist die Last, die das moderne Bewusstsein zu tragen hat. Ich dachte es heute Abend, als ich die Liebespaare am Haus vorbeigehen sah. Und wie wiederholt sich alles im Paar, im Geistigen, Seelischen, Biologischen – und wie ist doch alles jedesmal verschieden. Jedes Paar ist eine Welt – die Welt. Im intimen Raum zweier «Bewusstseine», die nur sie selbst kennen, spielt sich das Drama «Liebe» ab, fernab der grossen Politik, des Lärms der Geschichte findet das statt, was uns wirklich angeht. Es ist die andere Geschichte, wenig spektakulär, dafür umso wirksamer. Denn hier, im Verborgenen, werden wir – oder wir werden nicht – zu dem, was wir einst waren. Wir können es glauben oder nicht, es ändert nichts. Hier allein haben wir keine Wahl.
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