Der Meister der Möglichkeit
Ich kenne ihn seit meiner Jugend und manchmal ängstigt mich die lange Zeit unserer Bekanntschaft. Ich sehe ihn seltener als früher, aber noch immer weiss ich nicht, wie ich mich von ihm befreien könnte. Vielleicht gelingt es mir, indem ich endlich von ihm spreche, was nicht leicht ist, denn er lebt vor allem in seinen Vorstellungen. Ja, es gibt tausend Dinge, die er tun könnte, aber er verharrt in der Betrachtung ihrer Möglichkeit. Ohnehin, die Welt scheint ihm schlecht eingerichtet, kein Wunder also, dass er überall das Haar in der Suppe findet. Es gibt nichts, was sich wirklich lohnte zu tun. Nötig zu sagen, dass das Wörtlein «aber» eines ist, das er am häufigsten benutzt? Was ich auch vorbringe, ich höre schon seinen Widerspruch. Er hat keinen Beruf erlernt, am ehesten sieht er sich als gescheiterten Künstler. Wie in seiner Jugend träumt er davon, über Nacht berühmt zu werden; dafür tun will er freilich nichts. Nur seine Faulheit könnte einst legendär werden. Manchmal kommt es mir vor, als habe er sein Leben mitten im Nichts eingerichtet. Er denkt oft daran, wie es wäre, würde alles anders, doch manchmal beginnt er sogar an dieser Möglichkeit zu zweifeln; dann zieht das Nichts sich sehr eng um ihn und er bekommt Angst. Am meisten ängstigt ihn die Möglichkeit seines Todes, er ahnt, dass es seine einzige und letzte Wirklichkeit werden könnte. Ich beneide ihn nicht, aber lange Zeit faszinierte er mich, es war, als wir noch zusammen lebten. Heute lebt er allein in einer Wohnung, wo nichts an seinem Platz ist. Es kommt vor, dass er von Ordnung träumt, einer grossen Ordnung, aber er begreift den Traum nicht. Er geht meistens dunkel gekleidet, würde man ihn fragen, warum, er wüsste es nicht. Ich glaube, er hat darüber nie nachgedacht. Seine Urteile über Menschen sind absolut. Hätte jemand etwas anderes erwartet? Lange Zeit verstand ich nicht, dass er Menschen sucht, um durch sie zu leben. Damit die Menschen um ihn zu leben beginnen, müsste er selbst leben. Ich habe viel über ihn nachgedacht und je älter ich werde, desto weniger verstehe ich ihn. Manchmal erscheint er mir wie ein kleines Kind, das tausend Spielzeuge zur Verfügung hätte, aber mit keinem je spielt. Dann wiederum sehe ich nur seine fühllose Leere, das gleichgültige Gesicht des Nichts, das ihn beherrscht. Ich glaube, er hat eine starke Sehnsucht nach Erlösung, die er sich nicht zugibt. Erlösung ist etwas für andere, er kann sehr gut ohne Erlösung sein, hat er es nicht zur Genüge bewiesen? Ja doch, er ist der Meister der Möglichkeit, der warten muss auf seine Zeit. Ich fürchte, sie wird nie kommen. Wo wird er später sein? Ich wage nicht es zu denken.
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