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by auroraconsurgens
@ 20.06.2007 23:33 CEST
Gerhard Meier feiert heute seinen 90. Geburtstag. In seinem Buch «Land der Winde» heisst es zu Beginn:
«Viele meiner Kollegen waren Macher. Und Gemachtes ist leichter nachzuvollziehen. Ich war ein Wesen, das aus der Müdigkeit kam. Vielleicht kommt auch das Massliebchen von dort?
Während viele meiner Kollegen Flüsse ausmassen, Seen, Tiefebenen, Historienbilder, Häuser und Herzen, zu schweigen von den Wegen, die zurückzuführen hätten (ins Paradies), schwang ich mich auf den schwarzen Schimmel, um hinter die sieben Berge zu entkommen, ins Sneewittchenland sozusagen; denn auf dem schwarzen Schimmel zu reiten – sei Kunst, sagte unsere Enkelin, als sie fünf, sechs Jahre alt war.»
Die heitere Melancholie einer hellwachen Müdigkeit weht uns aus Gerhard Meiers Romanen an, der man sich gerne hingibt. Danke!
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by auroraconsurgens
@ 20.06.2007 23:30 CEST
«Ach, wollte die Seele nur innen wohnen,
so hätte sie alle Dinge gegenwärtig.»
Meister Eckehart, Deutsche Predigten und Traktate
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by auroraconsurgens
@ 20.06.2007 22:53 CEST
«Geh! fürchte nichts! es kehret alles wieder,
Und was geschehen soll, ist schon vollendet.»
Friedrich Hölderlin, Der Tod des Empedokles
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by auroraconsurgens
@ 18.06.2007 21:43 CEST
In Friedrich Hölderlins späten Gedichten finden sich die folgenden Strophen, deren unverwechselbare Schönheit bei jedem Lesen neu berührt. Dichten und Denken waren bei Hölderlin eins. Die Zeilen lauten:
Andenken
Der Nordost wehet,
Der liebste unter den Winden
Mir, weil er feurigen Geist
Und gute Fahrt verheisset den Schiffern.
Geh aber nun und grüsse
Die schöne Garonne,
Und die Gärten von Bordeaux
Dort, wo am scharfen Ufer
Hingehet der Steg und in den Strom
Tief fällt der Bach, darüber aber
Hinschauet ein edel Paar
Von Eichen und Silberpappeln;
Noch denket das mir wohl und wie
Die breiten Gipfel neiget
der Ulmwald, über die Mühl,
Im Hofe aber wächset der Feigenbaum.
An Feiertagen gehn
die braunen Frauen daselbst
Auf seidnen Boden,
Zur Märzenzeit,
Wenn gleich ist Nacht und Tag
Und über langsamen Stegen,
Von goldenen Träumen schwer,
Einwiegende Lüfte ziehen.
Es reiche aber,
Des dunklen Lichtes voll,
Mir einer den duftenden Becher,
Damit ich ruhen möge; denn süss
Wär unter Schatten der Schlummer.
Nicht ist es gut,
Seellos von sterblichen
Gedanken zu sein. Doch gut
Ist ein Gespräch und zu sagen
Des Herzens Meinung, zu hören viel
Von Tagen der Lieb,
Und Taten, welche geschehen.
Wo aber sind die Freunde? Bellarmin
Mit dem Gefährten? Mancher
Trägt Scheue, an die Quelle zu gehn;
Es beginnet nämlich der Reichtum
Im Meere. (…)
Nun aber sind zu Indiern
Die Männer gegangen,
Dort an der luftigen Spitz
An Traubenbergen, wo herab
Die Dordogne kommt,
Und zusammen mit der prächtigen
Garonne meerbreit
Ausgehet der Strom. Es nehmet aber
Und gibt Gedächtnis die See,
Und die Lieb auch heftet fleissig die Augen,
Was bleibet aber, stiften die Dichter.
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by auroraconsurgens
@ 18.06.2007 21:37 CEST
In der Bildungsbeilage der NZZ findet sich ein Inserat der Maharishi International School, die ihren Schülern «ganzes Wissen» verspricht. Zitat aus dem Werbetext: «Grundlage ist die bedeutendste Entdeckung der modernen Wissenschaft: das Einheitliche Feld. Die Schüler erfahren das Einheitliche Feld, täglich und direkt, in ihrem eigenen, selbstrückbezogenen Bewusstsein. Angewandt wird die weltweit fortgeschrittenste Bildungsmethode: Transzendentale Meditation und ihre Fortgeschrittenen-Techniken, einschliesslich Yogischen Fliegens.»
Ja, auch Fliegen will gelernt sein. Anmeldung für Interessierte: Tel. 044 260 44 70.
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by auroraconsurgens
@ 15.06.2007 22:52 CEST
Das Geräusch des Regens im Garten als Meditation. Wir werden selbst zum Regen, der fällt. Heute Nachmittag erinnerte er mich an die Tessiner Regennächte im Onsernonetal vor einigen Jahren. Damals gingen schwere Gewitter nieder. Immer wieder wurde ich vom Donnern aus dem Schlaf gerissen. Der Regen und die unendliche Dunkelheit über dem Tal waren unheimlich. Das Rinnen und Tropfen des Wassers ums Haus, das Rauschen des Flusses aus der Tiefe. Ich glaubte die Last des Berges zu spüren, sein ungeheures Gewicht, das auf die Häuser am Hang zu drücken schien. Übrigens hat Max Frisch den Regen im Onsernonetal schön beschrieben in seinem Buch «Der Mensch erscheint im Holozän». Es ist wahr: der Anblick des Tals, besonders bei Regen, hat etwas Urweltliches. Das wuchernde Grün, die nassen Felsen, die Nebelschwaden, die den Hängen entlangziehen und alles in ein undurchdringliches Weiss hüllen. Der Mensch kann in einer solchen Szenerie nur mehr als Episode gedacht werden.
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by auroraconsurgens
@ 15.06.2007 22:44 CEST
Rainer Maria Rilke schildert in «Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge» das Erscheinen der toten Christine Brahe, einer Person, die «das Recht hat, hier zu sein», wie der Grossvater Maltes einmal bemerkt. Man sitzt gerade zu Tisch, als eine Tür aufgeht und das Unheimliche geschieht.
«In demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkürlich nach der gewissen Türe, und wirklich: Christine Brahe trat ein. Mein Nachbar, der Major, machte eine heftige, kurze Bewegung, die sich in meinen Körper fortpflanzte, aber er hatte offenbar keine Kraft mehr, sich zu erheben. Sein braunes, altes, fleckiges Gesicht wendete sich von einem zum andern, sein Mund stand offen, und die Zunge wand sich hinter den verdorbenen Zähnen; dann auf einmal war dieses Gesicht fort, sein grauer Kopf lag auf dem Tische, und seine Arme lagen in Stücken darüber und darunter, und irgendwo kam eine welke, fleckige Hand hervor und bebte.
Und nun ging Christine Brahe vorbei, Schritt für Schritt, langsam wie eine Kranke, durch unbeschreibliche Stille, in die nur ein einziger wimmernden Laut hineinklang wie eines alten Hundes. Aber da schob sich links von dem grossen silbernen Schwan, der mit Narzissen gefüllt war, die grosse Maske des Alten hervor mit ihrem grauen Lächeln. Er hob sein Weinglas meinem Vater zu. Und nun sah ich, wie mein Vater, gerade als Christine Brahe hinter seinem Sessel vorüberkam, nach seinem Glase griff und es wie etwas sehr Schweres eine Handbreit über den Tisch hob. Und noch in dieser Nacht reisten wir.»
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by auroraconsurgens
@ 12.06.2007 22:09 CEST
Nach langer Zeit begegnete ich ihr wieder. Wir begrüssten uns freundlich. Noch während wir die ersten Worte wechselten, blickte sie schon an mir vorbei in irgendeine Ferne und ich hatte unwillkürlich das Gefühl nicht mehr vorhanden zu sein. Wieder überraschte mich ihre Abweisung, die ich von früher her bereits kannte. Kann es sein, dass sie ihr gar nicht bewusst ist?
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by auroraconsurgens
@ 12.06.2007 22:04 CEST
Das Verhängen der Spiegel im Haus eines Verstorbenen. Er ist uns unsichtbar geworden und wir werden es ein Stück weit mit ihm.
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by auroraconsurgens
@ 12.06.2007 22:00 CEST
Ich kenne ihn seit meiner Jugend und manchmal ängstigt mich die lange Zeit unserer Bekanntschaft. Ich sehe ihn seltener als früher, aber noch immer weiss ich nicht, wie ich mich von ihm befreien könnte. Vielleicht gelingt es mir, indem ich endlich von ihm spreche, was nicht leicht ist, denn er lebt vor allem in seinen Vorstellungen. Ja, es gibt tausend Dinge, die er tun könnte, aber er verharrt in der Betrachtung ihrer Möglichkeit. Ohnehin, die Welt scheint ihm schlecht eingerichtet, kein Wunder also, dass er überall das Haar in der Suppe findet. Es gibt nichts, was sich wirklich lohnte zu tun. Nötig zu sagen, dass das Wörtlein «aber» eines ist, das er am häufigsten benutzt? Was ich auch vorbringe, ich höre schon seinen Widerspruch. Er hat keinen Beruf erlernt, am ehesten sieht er sich als gescheiterten Künstler. Wie in seiner Jugend träumt er davon, über Nacht berühmt zu werden; dafür tun will er freilich nichts. Nur seine Faulheit könnte einst legendär werden. Manchmal kommt es mir vor, als habe er sein Leben mitten im Nichts eingerichtet. Er denkt oft daran, wie es wäre, würde alles anders, doch manchmal beginnt er sogar an dieser Möglichkeit zu zweifeln; dann zieht das Nichts sich sehr eng um ihn und er bekommt Angst. Am meisten ängstigt ihn die Möglichkeit seines Todes, er ahnt, dass es seine einzige und letzte Wirklichkeit werden könnte. Ich beneide ihn nicht, aber lange Zeit faszinierte er mich, es war, als wir noch zusammen lebten. Heute lebt er allein in einer Wohnung, wo nichts an seinem Platz ist. Es kommt vor, dass er von Ordnung träumt, einer grossen Ordnung, aber er begreift den Traum nicht. Er geht meistens dunkel gekleidet, würde man ihn fragen, warum, er wüsste es nicht. Ich glaube, er hat darüber nie nachgedacht. Seine Urteile über Menschen sind absolut. Hätte jemand etwas anderes erwartet? Lange Zeit verstand ich nicht, dass er Menschen sucht, um durch sie zu leben. Damit die Menschen um ihn zu leben beginnen, müsste er selbst leben. Ich habe viel über ihn nachgedacht und je älter ich werde, desto weniger verstehe ich ihn. Manchmal erscheint er mir wie ein kleines Kind, das tausend Spielzeuge zur Verfügung hätte, aber mit keinem je spielt. Dann wiederum sehe ich nur seine fühllose Leere, das gleichgültige Gesicht des Nichts, das ihn beherrscht. Ich glaube, er hat eine starke Sehnsucht nach Erlösung, die er sich nicht zugibt. Erlösung ist etwas für andere, er kann sehr gut ohne Erlösung sein, hat er es nicht zur Genüge bewiesen? Ja doch, er ist der Meister der Möglichkeit, der warten muss auf seine Zeit. Ich fürchte, sie wird nie kommen. Wo wird er später sein? Ich wage nicht es zu denken.