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Vil süeze frowe

«Vil süeze frowe hôhgelopt mit reiner güete,
dîn kiuscher lîp gît wünneberndez hôhgemüete,
dîn munt ist roeter danne ein liehtiu rose in towes blüete
got hât geoehet und gehêret reine frouwen,
daz man in wol sol sprechen unde dienen zaller zît.
der werlte hort mit wünneclîchen freuden lît
an ir, ir lob ist lûter unde klâr, man sol sie schouwen.
für trûren und für ungemüete ist niht sô guot,
als an ze sehen ein schoene frowen wol gemuot,
sô si ûz herzen grunde ir friunde ein lieblich lachen tuot.»

Walther von der Vogelweide
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Vor dem Gewitter

Vor dem Gewitter wurde es düster im Wald und sehr still. Ich hielt inne, horchte. Die ersten Regentropfen fielen. Der Ort wirkte auf einmal sehr verlassen. Die Plötzlichkeit dieser Empfindung.
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Das verlorene Gesicht

Auf der ersten Blick scheint dieses Gesicht ganz bei sich zu sein. Es ist aber – bei näherer Betrachtung – ein in seiner Einsamkeit sehr unruhig gewordenes Gesicht, das sich am Rande der bewohnbaren Welt bewegt. Es führt Selbstgespräche und verirrt sich leicht, denn es fehlen ihm alle äusseren Bezugspunkte. Das zeigt sich insbesondere daran, dass das Gesicht gar nicht mehr zu wissen scheint, wie es auf seine Umgebung wirkt. Würde man das Gesicht ansprechen, es wäre zu Tode erschrocken; es kann sich nicht vorstellen, dass Worte es jemals wieder meinen könnten. Unter seiner Einsamkeit verbirgt sich eine irreal gewordene Lebendigkeit, die sich an etwas weit Zurückliegendes erinnert. So existiert das Gesicht in einem tiefen Widerspruch zu sich selbst. Es vermisst niemanden mehr und trotzdem scheint es irgendwo im Hintergrund an der Erschaffung des fehlenden Gegenübers – des vermissten Augenpaars – zu arbeiten. Es ist eine lange Arbeit, die niemand versteht, der dieses Gesicht nicht selbst einmal trug (und wer es trug, vergisst es nicht). Und auch wenn dem Gesicht die Schöpfung jetzt nicht gelingt, einmal wird sie ihm gelingen. Gelingt dann auch die Schöpfung am Gesicht?
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Beim Betrachten einer Fotografie

War ich das? Ich war es und ich war es nicht. Noch könnte ich es sein, noch bin ich es. Aber ich bin es nicht mehr, war es nie. Werde ich es je wieder sein?
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In einer jeden Sprache

«Buddha, der Herr, sprach:

In der Sprache der Engel,
der Schlangen, der Feen,
in der Sprache der Dämonen,
der Sprache der Menschen,
in ihnen allen habe ich
auseinandergesetzt
die tiefen Lehren des Gesetzes
und in einer jeden Sprache,
dass jedwedes Wesen sie erfassen mag.»

«Tibetanisches Vogelbuch», Verlag Die Arche, 1957
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Muschg denkt über Blochers Rücktritt nach

Die NZZ druckte neulich einen Leserbrief von Adolf Muschg über die jüngste Entgleisung von Bundesrat Blocher ab. Darin fragt der Autor – leider etwas zu verklausuliert – warum Herr Blocher nicht endlich zurücktritt. Muschg schreibt: «Moritz Leuenberger hat mit dem Florett auf den Flegel reagiert. (…) Wenn in Japan ein Zug entgleist, tritt der Verkehrsminister zurück. Die Entgleisungen Herrn Blochers vermögen seiner Eignung als Justizminister nichts anzuhaben. Das nennt man eine robuste Demokratie. Muss man lernen, mit Fontane zu sagen: Legt‘s zum Übrigen?» Das muss man wohl, wenn man es nicht längst gelernt hat. Im Übrigen war die Politik von jeher ein Arkadien für Leute, denen daran lag, ihre Privatneurosen in aller Öffentlichkeit auszuleben.
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Die Nebenzimmer

Die Nebenzimmer der Erinnerung, wo die Kinder weinen.
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Sternfall

«Manchmal in der Nacht
fällt ein Stern
mir in den Schoss.»

Rose Ausländer
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Manchmal

Manchmal ersehnen wir, was wir nicht ertragen würden.
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Das Ungedruckte

Was gedruckt wird: ein Spiegel der Verfasstheit der Zeit. Und was nicht gedruckt wird? Wo ist die Bibliothek, die das Ungedruckte aufbewahrt – zum Gedächtnis der Welt?
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