Die Ungefährdete
Ihre Dinge sind wichtig, ihre Ansichten richtig. Wenn sie spricht, ist es, als ob sie permanent an etwas vorbeiredet. Enervierend detailliert erzählt sie von ihren Erlebnissen und meint nur sich selbst. Sie weiss, wie die Dinge liegen, sie hat eine Ansicht, eine Meinung. Zu allem. Ich habe nie gehört, dass sie sagte: «Ich weiss nicht …» Oder: «Ja, es könnte sich auch so verhalten …» Vor allem in menschlichen Belangen weiss sie Bescheid, obgleich es da eigentlich nichts zu wissen gäbe – gerade in menschlichen Dingen nicht. Für sie gibt es auch hier Gesetze, die immer und für alle zu gelten haben. Da lässt sie nichts gelten. Etwas Unechtes geht von ihr aus, das empfindsame Naturen, die sich instinktiv vor ihr hüten, sogleich registrieren. Mag sein, dass unaufmerksame Charaktere ihre Worte für bare Münze nehmen. Eigentlich sucht sie in allem, was sie sagt, eine Bestätigung für ihre rigiden moralischen Ansichten, denn so sicher, wie sie tut, ist sie eben doch nicht. Nein, sie ist nicht glücklich, so sehr sie das Image der Glücklichen auch pflegt. Auch was sie von ihrer glücklichen Ehe erzählt, klingt wenig glaubhaft. Zu oft drängt da ihr unbewusster Eros ans Licht, wird ihre unterdrückte Sehnsucht nach bedingungsloser Hingabe spürbar. Die Passion des Nichtwissens, des Fragens, der Unterordnung, des Scheiterns – sie liegt noch vor ihr.
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